Anmerkungen zur KNV-Insolvenz und den Folgen

Die Katastrophe war vielleicht nicht absehbar, aber dass es bei KNV seit einiger Zeit nicht mehr rund lief und die Geschäftsleitung spätestens mit der Verlagerung nach Erfurt offenbar überfordert war, war auch ohne Insiderwissen festzustellen. Wer länger im Buchhandel tätig war und Einblick in Details des Alltagsgeschäfts wie Bestell- und Remissionsverhalten oder Paketlaufzeiten beim Bücherwagen hatte, konnte diese Wahrnehmung mit zahlreichen Beispielen illustrieren.
Trotzdem war es für die meisten ein Paukenschlag, als die KNV-Gruppe letzten Donnerstag Insolvenz anmeldete. Denn das Unternehmen ist „systemrelevant“. Es betreibt nicht nur das Barsortiment, das die meisten Buchhandelskunden beliefert, sondern auch eine Verlagsauslieferung für bekannte Publikumsverlage wie Suhrkamp oder Piper und sorgt mit seinem Bücherwagendienst dafür, dass Bücher schnell vom Verlag in den Buchladen kommen. Hinzu kommt, dass zahlreiche Buchhandlungen mit der Software von KNV ihre Warenwirtschaft organisieren. Dass ein so bedeutender Baustein im System Buchhandel zusammenbrechen könnte, lag schlicht außerhalb der Vorstellungswelt der Branche.
Der Zeitpunkt ist vor allem für Verlage eine Katastrophe. Denn bei einem Zahlungsziel von 90 Tagen haben sie den größten Teil ihrer im Weihnachtsgeschäft erwirtschafteten Umsätze noch nicht gesehen. Obwohl KNV seine an die Buchhandlungen gestellten Rechnungen weitestgehend bezahlt bekommen haben dürfte (der Name „Barsortiment“ ist heute nicht mehr ganz wörtlich zu nehmen, weist aber doch auf ein Zahlungsziel hin, das deutlich unter einem Vierteljahr liegt). Vor allem Verlage, die sich keine einschlägige Versicherung leisten können, schauen nun in die Röhre.
Welche Folgen die KNV-Insolvenz für das Kultursystem Buchhandel langfristig haben wird, ist noch nicht absehbar. Kurzfristig ist es aufgrund der Bedeutung des Unternehmens für die gesamte Lieferkette wahrscheinlich, dass KNV „gerettet“ wird und seine Funktionen weiter ausfüllen wird. Auch die meisten Verlage, die voraussichtlich dafür bezahlen werden, werden es erstmal überstehen; die Flexibilität und Findigkeit gerade unter den kleinen Verlagen ist groß. Wie sich der zweite große finanzielle Aderlass nach dem VG Wort-Urteil binnen weniger Jahre mittelfristig auswirkt, ist hingegen eine andere Frage. Denn wenn alle Kreativität fürs Überleben aufgewendet werden muss, bleibt möglicherweise ungetan, was zukünftigen Erfolg sichern würde.
An der Debatte, was nun zu tun ist, hat sich auch Simone Barrientos beteiligt, früher selbst Verlegerin, heute kulturpolitische Sprecherin der Linkspartei – und in Kürze als Herausgeberin am Alibri-Buch Der Feuerstuhl beteiligt. Sie fordert eine „konzertierte Aktion“, damit Marktstrukturen erhalten bleiben, die „Vielfalt und Freiheit des Wortes“ gewährleisten. Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier, als Schöpfer des letzten linken Studenten ebenfalls Alibri-Autor, hat dazu auch einen Vorschlag gemacht: „Die Regierung muss ja nicht immer nur die Deutsche Bank retten.“
Aber ob von der Politik etwas anderes als Lippenbekenntnisse zum Kulturgut Buch zu erwarten sind? Ich würde keine allzugroße Kiste Bier darauf wetten.

Gunnar Schedel

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