MIZ 3/19: Alltag, Religion und Kirche in der DDR

Die DDR galt als „atheistischer Staat“. Und tatsächlich gab es dort keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder keine vom Staat eingetriebene Kirchensteuer und Ende der 1980er Jahre war die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos. Aber wie präsent war Religion im DDR-Alltag und welche Bedeutung hatte der Wissenschaftliche Atheismus für die Menschen? MIZ 3/19 widmet diesen Fragen einen Schwerpunkt.
Horst Groschopp beschreibt in seinem Aufsatz die „anderen Deutschen“, die nach seinem Eindruck oft als „noch nicht richtig entwickelte westdeutsche“ Menschen angesehen werden. Dazu arbeitet er sieben alltagsrelevante Unterschiede zwischen „Ost“ und „West“ heraus. Einer davon ist die extrem niedrige Kirchenbindung.
Bei seiner Betrachtung des Verhältnisses von Staat und Kirche stellt Karsten Krampitz fest, dass dieses keineswegs immer und überall angespannt war. Dementsprechend war auch das Unterrichtsfach „Wissenschaftlicher Atheismus“ nicht so ausgestattet, wie es in einem „atheistischen“ Staat vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Seit Ende der 1960er Jahre stand weniger die Entwicklung einer atheistischen Position in Abgrenzung zu religiösen Konzeptionen im Vordergrund als die Beschäftigung mit den „gemeinsamen Wertvorstellungen von Kommunisten und Gläubigen“. Viola Schubert-Lehnhardt stellt diese Geschichte dar.
In einem Gespräch zwischen MIZ-Redakteurin Nicole Thies und der Kunstwissenschaftlerin Jutta Jahn geht es dann um den Alltag, der in sozialistisch orientierten Familien ohne Religion gestaltet wurde. Eine Nebenwirkung war, dass viele, die in solchen Familien aufwuchsen, „religiöse Codes … nicht nachvollziehen und begreifen“ konnten. Für sie war Kirche Teil der Kulturgeschichte und hatte nichts mit Religion zu tun. Als die evangelische Kirche später nicht systemkonformen Gruppen einen Raum gab, in dem offen gesprochen werden konnte, wurde dieses Angebot angenommen. Es wurde von den Oppositionellen nicht als Versuch, sie christlich zu infiltrieren, gesehen (und war wohl auch nicht dadurch motiviert).
Die weiteren Aufsätze nehmen sämtlich Themen in den Fokus, die verdeutlichen, dass Frauen von Unterdrückung durch religiöse Vorstellungen und Strukturen besonders betroffen sind.
Während die Vorstellung der Existenz von „Hexen“ in Europa für die Betroffenen nur noch selten Folgen nach sich ziehen, müssen im subsaharischen Afrika immer noch Frauen ihr Dorf verlassen, wenn sie ein solcher Vorwurf trifft. Felix Riedel hat in Nordghana einige Exile besucht, wo die Geflüchteten unterkommen, mit den Frauen gesprochen und berichtet über ihre Lebensverhältnisse. Mit dem Witch-hunt Victims Empowerment Project stellt er eine Organisation vor, die in Zusammenarbeit mit europäischen NGOs eine konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen anstrebt – ohne gleichzeitige Missionierung.
Angesichts der Verfilmung von Margaret Atwoods Report der Magd wirft Agnes Imhof einen Blick auf die Rezeption der Religionskritik der Autorin. Sie verweist darauf, dass Atwoods Kritik an religiös motivierter Unterdrückung von Frauen nur eingeschränkt wahrgenommen wird.
Am 27. Dezember 2017 protestierte in Teheran eine junge Frau gegen den Verschleierungszwang, indem sie auf einen Stromkasten stieg, ihr „Kopftuch“ an einen Stock band und hin- und herschwenkte. MIZ stellt eine Initiative säkularer Migrantinnen vor, die einen „Internationalen Tag gegen Zwangsverschleierung“ angekündigt haben, der an die Proteste gegen des islamische Regime erinnern soll.
Daneben gibt es noch die üblichen Rubriken Blätterwald, Zündfunke und Internationale Rundschau, die Glosse Neulich… (diesmal bei genervten Atheisten) und Buchbesprechungen.

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