Der Verlagspreis gefährdet die kulturelle Vielfalt

Es hätte nicht zwangsläufig so kommen müssen, wie es zu befürchten war. Die Idee, den Beitrag kleiner Verlage zur kulturellen Vielfalt zu würdigen und durch Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln „die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit kleiner, unabhängiger Verlage in Deutschland“ zu stärken, war prinzipiell begrüßenwert. Aber schon nach der zweiten Verleihung im Mai 2020 ist klar, dass der Deutsche Verlagspreis vor allem eines bewirken wird: die Vielfalt der Verlagslandschaft deutlich reduzieren.
Für die erste Auswahl von 60 Verlagen (aus gut 300 Bewerbern) im Oktober 2019 erhielt die Jury noch überwiegend Beifall. Es gab allerdings auch einige kritische Stimmen, die beispielsweise darauf verwiesen, dass sich in der Liste auffallend viele Verlage aus der Kurt-Wolff-Stiftung befänden. Im Folgejahr bewarben sich noch einige Verlage mehr, darunter auch solche, die 2019 bewusst darauf verzichtet hatten, da sie sich keine Chancen ausgerechnet hatten.
Als vor kurzem die Preisträger 2020 bekanntgegeben wurden, war klar, dass zumindest für die Verlage, deren Schwerpunkt auf dem politischen Sachbuch liegt, die erste Einschätzung die realistischere war: Sie hätten sich den Aufwand sparen können, nicht einmal 10% der ausgezeichneten Verlage haben ihren Programmschwerpunkt in diesem Bereich. Wer das Grußwort der Kulturstaatsministerin auf der Webseite des Verlagspreises gelesen hat, hätte es ahnen können, ist dort von den „schönen Künsten, der Literatur, der Wissenschaft und der Poesie“ die Rede, nicht aber von politischer Theorie oder Gesellschaftsanalyse. In diesem Halbsatz spiegelt sich offenbar die Perspektive derer, die den Preis konzipiert haben.

Immer derselbe Beitrag zur kulturellen Vielfalt

So richtig problematisch wird die Causa Verlagspreis jedoch angesichts der Tatsache, dass fast die Hälfte der Preisträger 2019 auch unter den Preisträgern 2020 ist. Nun hat mein Freund Jörg in seinem Verbrecher Verlag unzählige großartige Bücher veröffentlicht. Ich gönne ihm den Preis, er hat ihn verdient. Aber mein Freund Paul vom Schmetterling Verlag hat in den letzten 30 Jahren ebenfalls viele großartige Bücher verlegt, zwei einzigartige Bände zum lateinamerikanischen Film beispielsweise, eine sehr erfolgreiche Reihe mit Einführungen in politische Theorien (gerade eben erschienen: Faschismustheorien) oder Sprachlehrbücher für Sprachen, um die große Verlage einen weiten Bogen machen. Es ist unerheblich, welcher der beiden Verlage den größeren Beitrag zur kulturellen Vielfalt in diesem Land geleistet hat. Aber dass der eine den Verlagspreis in zwei Jahren zweimal bekommt, der andere hingegen gar nicht, leuchtet mir nicht so ohne Weiteres ein…
Ist aber leicht zu erklären. Und wird sich auch nicht ändern. Denn wenn knapp die Hälfte der Preisträger erneut bedacht wurden, obwohl es das letzte Mal die Kritik gab, dass vor allem die „üblichen Verdächtigen“ berücksichtigt wurden, und obwohl Veränderungen an der Jury vorgenommen wurden, lässt sich das nicht auf individuelle Borniertheit oder Kungelei zurückführen. Die ausgezeichneten Verlage treffen einfach den Geschmack bzw. das Kulturverständnis jener Kreise, aus denen die Mitglieder einer Kulturpreisjury in der Regel ausgewählt werden. Oder anders herum: die nicht ausgezeichneten Verlage treffen deren Geschmack bzw. Kulturverständnis eben nicht. Ihr Profil wird als für die kulturelle Vielfalt nebensächlich angesehen. Und das wird auch nächstes Jahr noch so sein. Und übernächstes Jahr auch.

Eine quasi-institutionelle Förderung für ein paar Verlage

Die Folgen dieser Situation sind absehbar. Es wird zu einer quasi-institutionellen Förderung für drei bis vier Dutzend Verlage kommen. Sie werden den Deutschen Verlagspreis in zehn Jahren sechs bis acht Mal erhalten. Die verbleibenden 300 Verlage werden den Preis im selben Zeitraum durchschnittlich einmal erhalten, gewissermaßen als barmherzige Geste. Wenn wir das diesjährige Preisgeld von 20.000 Euro als Rechengröße ansetzen, macht das einen Unterschied von mindestens 100.000 Euro. Damit können die ausgezeichneten Verlage nicht nur besser überleben, sie haben mehr Möglichkeiten für Innovation und Investitionen, können mal bei der Ausstattung ihrer Bücher großzügiger sein, mal zwei Prozentpunkte Honorar mehr vereinbaren, mal besondere öffentlichkeitswirksame Aktivitäten entfalten, mal ein paar kulturelle Veranstaltungen mehr fördern.
In spätestens drei Jahren ist es dann soweit: Die Verleihung des Verlagspreises an immer dieselben Verlage wird objektiv nachvollziehbar sein: Sie werden das bessere Programm, das bessere Layout, die bessere Webseite, die bessere Öffentlichkeitsarbeit haben. Weil sie jedes Jahr 10.000 Euro mehr in diese Bereiche investieren konnten. Und auch hier sind die Folgen absehbar: Verlage, die nie oder nur selten unter den Verlagspreisträgern sein werden, geraten ins Hintertreffen. Die knappen Ressourcen öffentliche Aufmerksamkeit, mediales Interesse, erfolgversprechende Manuskripte usw. usf. sind für sie in Zukunft noch schwerer zugänglich als bislang schon. Im Kapitalismus nutzen innovative Ideen, ob für Programm oder Präsentation, nun mal nichts ohne Kapital.

Die Jury durch einen Zufallsgenerator ersetzen

Es ist nicht allzu gewagt vorherzusagen, dass von den „Nicht-Verlagspreisträgern“, die sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vorhalten, in zehn Jahren 75% nicht mehr existieren werden (oder nur noch die Reste vergangener Programme abverkaufen). Vielleicht geht es auch schneller. Denn nach der KNV-Insolvenz im vergangenen Jahr und der Corona-Krise dieses Jahr ist jetzt schon bei vielen kleinen Verlagen alles auf Kante genäht. Für die Ministerialbürokratie liegt darin vielleicht sogar die Lösung des Problems: 50 gewachsene und gestärkte Kleinverlage lassen sich leichter mit Subventionen am Leben erhalten als 350. Ob das als Erfolg oder als Debakel gesehen wird, ist dann eine Frage der Definition von Vielfalt.
Gäbe es eine Alternative? Vielleicht. Aber dazu müsste der Bias bei der Zusammensetzung der Jury ausgeschaltet werden. Denn von niemandem kann ernsthaft verlangt werden, einen Verlag zu prämieren, den er oder sie nicht tatsächlich großartig findet. Also: Lasst uns die Auswahl an einen Zufallsgenerator übergeben. In zehn Jahren müsste so (rein statistisch) fast jeder Verlag zweimal dran gewesen sein. Die Aufgabe der Jury bestünde dann darin, die salbungsvollen Worte für die Preisbegründung zu finden, die Aufgabe der Ministerialbürokratie wäre es, uns die neoliberalen EU-Behörden vom Hals zu halten.
40.000 Euro für jeden Verlag (rein rechnerisch, natürlich wird es auch beim Zufallsgenerator zufällige ungerechte Verteilungen geben). Das ist auf zehn Jahre gesehen nicht viel, kann dem einen oder anderen Verlag in einem kritischen Moment aber den Hals retten oder eine neue Webseite ermöglichen oder die Übersetzung eines Buches finanzieren oder sonst irgendetwas zur Erhaltung kultureller Vielfalt beitragen. Das wäre die Utopie.
Der Verlagspreis in seiner jetzigen Form hingegen zerstört kulturelle Vielfalt. Er sollte abgeschafft werden. Besser heute als morgen.

Gunnar Schedel

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