„Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize.“

Karlheinz Deschner vollendet sein kirchenkritisches Gesamtwerk

von Gabriele Röwer

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Deschner (geb. 1924) als Streitschriftsteller zurückgezogen am Schreibtisch – „Cordon sanitaire und Angriffsbasis zugleich“1. Hier verfasste er, vielfach rezensiert, stets kontrovers, mehrere literatur-2 und zahlreiche kirchenkritische Bücher, welche, ausgehend von den verkauften, teilweise in zwölf Sprachen übersetzten fünfzig Büchern, über eine Million Leser erreichten.Eine Basis dieser Leserschaft geht zurück auf Deschners Vorträge über moderne amerikanische Literatur in den 50er und 60er Jahren (Amerikahaus deutschlandweit) wie auch auf mehrere zwischen 1957 und 1971 von ihm herausgegebene und eingeleitete, teilweise heftig diskutierte Sammelbände mit Titeln wie „Was halten Sie vom Christentum…?“, „Das Jahrhundert der Barbarei“, „Das Christentum im Urteil seiner Gegner“ oder „Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin“, welche entscheidend beitrugen zur Vernetzung von Christentums- und Religionskritikern wie Klaus Ahlheim, Jens Bjœrneboe, Wolfgang Beutin, Saul Friedländer, Friedrich Heer, Hans Henny Jahnn, Hans E. Lampl, Robert Mächler, Friedrich Pzillas, Hermann Raschke, Carl Schneider, Hans Wolffheim, Hans Wollschläger, Gerhard Szczesny und Gerhard Zwerenz.3 1977 folgte „Warum ich Christ/Atheist/Agnostiker bin“, worin Karlheinz Deschner, in seinem einzigen, sehr ausführlichen philosophischen Essay überhaupt, seine radikalagnostische Haltung jener des kritischen Christen Friedrich Heer und des Atheisten Joachim Kahl kontrastiert. Mangels Zeit, die seither weitgehend der kritischen Kirchengeschichte gewidmet war, folgte 1990 nur noch die Umfrage „Woran ich glaube“, wiederum initiiert durch Deschners Überzeugung von der Relativität aller Glaubensvorstellungen, dokumentiert in Beiträgen u.a. von Hans Albert, Ernest Bornemann, Hans J. Eysenck, Horst Herrmann, Hubertus Mynarek, Ursula und Johannes Neumann, Uta Ranke-Heinemann, Norbert Hoerster, Jan Philipp Reemtsma, Edzard Reuter, Hermann Josef Schmidt, Dorothee Sölle und Tomi Ungerer.

Diese frühen Vernetzungen säkularer Kräfte durch Deschners kritische Sammelbände sowie das zumeist breite Echo darauf trugen gewiss nicht unwesentlich zu den diversen Zusammenschlüssen von Konfessionslosen bei, auch wenn er selbst, Einzelkämpfer par excellence, keiner dieser Organisationen angehört, mit weitgehender Sympathie indes für ihre Ziele. Die von Herbert Steffen gegründete Giordano Bruno Stiftung, um nur diese hier zu nennen, sieht in Deschners Werk einen ihrer wesentlichen Grundsteine (s. Anm. 39 f).

Der erste Band von Deschners Hauptwerk mit dem provozierenden Titel „Kriminalgeschichte des Christentums“ wurde 1986, der zehnte Band im März 2013 bei Rowohlt publiziert4 der bis in die Gegenwart reichende, also gleichsam elfte Band, „Die Politik der Päpste – Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege“, wurde soeben mit großem Einsatz von Alibri neu aufgelegt, aktualisiert durch ein Nachwort von Michael Schmidt-Salomon.5 Die Anfänge aber von Deschners rund 6000 Seiten umfassendem Opus Magnum reichen bis in die 1950er Jahre zurück. Schon als Schüler hatte er sich durch Schopenhauer und Nietzsche – später folgten Kant und Lichtenberg– dem katholischen Traditionschristentum seiner Steigerwälder Heimat geistig entfremdet. Emotional befreite ihn, nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte („Denn auf den Grund wollte ich kommen … irgendwo auf den Boden stoßen, und wenn … der Boden … nichts als ein Blutsumpf wäre … bis obenhin.“6), die Vertiefung in die Forschungen zur Geschichte des Christentums von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Das Ergebnis fünfjähriger Schreibtischfron erschien 1962 unter dem bezeichnenden Titel „Abermals krähte der Hahn“, worin sich das Thema seines gesamten kirchenkritischen Lebenswerks ankündigt. Deschner wird zum Ankläger des Verrats der Ethik des synoptischen Jesus7 durch die immer mächtiger werdende Kirche, besonders seit Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert, zum Ankläger kontinuierlicher Verkehrung urchristlicher Ideale wie Nächsten- und Feindesliebe, Armut und Pazifismus ins krasse Gegenteil durch kirchliche Potentaten auf dem „Stuhl Petri“.8 Zumal es diesen, wie Deschner nachweistix, so wenig gegeben hat wie, unter anderem, die römische Bischofsliste, die römischen Primatansprüche, die Konstantinische Schenkung, Basis der geistlichen und weltlichen Macht des vatikanischen Imperiums.

Dessen Entwicklung nimmt Deschner in seiner pyramidal gebauten „Kriminalgeschichte des Christentums“ kritisch ins Visier.10 Besonders ausführlich, da fundamental bedeutsam, wird die Fragwürdigkeit der Ursprünge in den ersten drei Bänden beleuchtet – dogmatische Absicherung (zugunsten des gewaltsam durchgesetzten trinitarischen Christentums) ebenso wie institutionelle Festigung durch massive politische Machtkämpfe der christlichen Herren untereinander.11 Die Überschrift des Schlusskapitels des 10. Bandes „Armut als Massenphänomen im absolutistischen Zeitalter“ verweist auf ein weiteres zentrales Movens Karlheinz Deschners, Kritiker vatikanischer Kriegspolitik ebenso wie vatikanischen Reichtums, die Mutierung der „Kirche der Armen“ nicht nur zur größten privaten Grundbesitzerin und einflussreichen Kapitalmacht (bis heute), sondern auch, trotz innerkirchlicher Gegenströmungen, zu einem der pompösesten Herrschaftszentren weltweit.12

Die Blutspur einer Liebesreligion: „Kirche, Krieg und Kapital, dreieinig sind sie allemal.“

„Kriminalgeschichte des Christentums“ (bis 1800)

Was ihn, den gerade in ethischen Fragen Hochsensiblen13, zu solch lebenslanger Feindschaft antrieb, benennt er – ansonsten Skeptiker, Agnostiker durch und durch, besonders gegenüber den „letzten Fragen“14, – in der Vorbemerkung zu diesem Schlusskapitel lakonisch-entschieden mit den Worten des von ihm überaus geschätzten österreichischen Priesters, Atomkraftgegners und Pazifisten Johannes Ude (1874-1965): „Ich kann das Unrecht nicht leiden.“; zumal das mit Lug und Trug verbundene Unrecht der „Vertreter Gottes“ auf dem „Heiligen Stuhl“. Er nimmt die Bibel – „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ – beim Wort und wird nicht müde, die immense Kluft zwischen hehrem Anspruch und gelebter blutiger Wirklichkeit dieser „Liebesreligion“, der „Frohen Botschaft mit der Kriegsbemalung“, aufzudecken und ihre Verbrechen im Schein der Heiligkeit anzuklagen.15 Diese Heuchelei, dieser Widerspruch vor allem sind es, die ihn zum kritischen Dokumentaristen der Geschichte des Christentums werden ließen und nicht einer anderen, ebenfalls hochbelastete Religion bzw. Weltanschauung.xvi Wobei Thron und Altar meist eng verbunden waren: Regenten christlicher – katholischer, auch protestantischer16 – Reiche sicherten ihre Macht durch Berufung auf den „Segen des Höchsten“, Päpste betrieben bis in die neueste Zeit allerweltlichste Machtpolitikxviii, eine Blutspur ohnegleichen hinter sich lassend – Millionen Heiden die Opfer, Millionen Hexen, Millionen Indianer, Millionen Afrikaner, Millionen Christen u.v.a. Im furiosen Finale der „Kriminalgeschichte“ resümiert Deschner: „Mit einem Wort: Das Christentum wurde zum Antichrist. (…) Jene Hölle, mit der es drohte: sie war es selbst!“

Der Kriminalgeschichte des Christentums vorläufig letzter Teil:

„Die Politik der Päpste“ im 19. und 20. Jahrhundert

Wer dieses umfangreiche Werk gelesen hat, wird Deschners Kirchenkritik kaum noch entgegenhalten, ja damals, in den alten, barbarischen Zeiten, habe es sicher solche Verbrechen gegeben, aber das sei ja nun längst passé, Staub von gestern, inzwischen habe sich die Kirche doch längst gewandelt. Neue Gewänder indes verändern weder Wesentliches an deren dogmatischer Verankerung und hierarchisch-undemokratischer Struktur (so auch, trotz aller Reformvorhaben, bei Franziskus I.19) noch an der kurialen Verflechtung mit jeweils den weltlichen Mächten, von denen Unterstützung für das Erreichen eigener imperialer Ziele erhofft wird20. Dies zeigt Deschner auch in seiner Papstgeschichte seit 1800, durch eine Fülle von Zitaten aus päpstlichem Mund und Tausende von Anmerkungen wohlbelegt, in wünschenswerter Klarheit und mit gewohnt packender Sprache, welche die Darstellung der Kette der Grausamkeiten auch in diesem Werk zu einem Leseereignis mit hohem Erkenntniswert werden lässt.

Beginnend mit einem summarischen Überblick über den Niedergang kurialer Macht seit 1800, zeichnet er – von Pius IX. über Leo XIII., Pius X. bis zu Benedikt XV.– den weiteren Weg des Papsttums und seiner Bemühungen nach, sich zunächst der Gefährdungen durch neue demokratische und wissenschaftliche Entwicklungen zu erwehren wie auch den seit 1870/71 restlos im italienischen Nationalstaat aufgegangenen Kirchenstaat zurückzugewinnen und den Anschluss an die jeweiligen Zeitläufte – Industrialisierung und Soziale Frage sowie kriegerische Neuordnung des Westens – nicht zu verpassen.21

Immerhin die Hälfte der rund 1100 Seiten dieses Werks aber gilt den von Deschner in solcher Ausführlichkeit als erstem überhaupt, bereits 1965 („Mit Gott und den Faschisten“), danach noch mehrfach ins Bewusstsein einer kritischen Öffentlichkeit gerückten engen Verbindungen Pius XI. und Pius XII. mit dem europäischen Faschismus. Pius XI., der wohl einflussreichste Papst des Jahrhunderts, tatkräftig assistiert von seinem Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Pius XII., unterstützte, u.a. durch mehr oder weniger geheime Diplomatie und eine Vielzahl weltweit beachteter Solidaritätsbekundungen, Mussolini, Hitler, Franco, den Abessinienkrieg, den Spanischen Bürgerkrieg.22

Und Pius XII., den Deschner als „größten der klerikalen Faschistenkomplizen“ mehr belastet sieht als jeden anderen Papst seit Jahrhunderten23, setzte seit 1939 den antikommunistischen Kurs fort, umstritten bis heute, vor allem wegen seines nahezu durchgängigen Schweigens zu Verfolgung und, schon bald europaweiter, Massenvernichtung der Juden, seines Schweigens auch zur von Deschner erstmals detailliert aufgedeckten unvorstellbar brutalen Ermordung von über 700.000 orthodoxen Serben seit 1941 in Kroatien durch die katholisch-faschistische Ustascha des Ante Pavelić. Diesen mehrfach segnend, erhoffte sich der Papst von dort aus die Katholisierung des gesamten Balkans.24

Geredet aber hat er, so Deschner am Beispiel Deutschlands, stets zum Schutz kirchlicher Interessen. Geschützt waren diese indes bereits recht gut durch das Konkordat – „zum Nutzen beider Teile“ bereits am 20. Juli 1933 mit Hitler geschlossen, ein weltweit „unbeschreiblicher Erfolg“ für ihn, nachdem er, auf kuriales Drängen hin auch durch die Stimmen des katholischen „Zentrums“, am 23.3.1933 an die Macht gekommen war, schon bald hofiert auch von den deutschen Bischöfen.xxv Geredet hat er, Verfechter eines autoritären Staates wie einer autoritären Kirche, zudem bei allen Beteuerungen seines „Freundschaftsverhältnisses“ zum wiedererstarkten Deutschland. Nach sechsjähriger Terrorherrschaft, den Schrecken der Reichspogromnacht, flehte er, so Deschner resümierend, „mit den besten Wünschen den Schutz des Himmels und den Segen des allmächtigen Gottes“ auf Hitler herab und ließ „jahrelang gnädigst die Glückwünsche, Dankgottesdienste, die Freudenbekundungen und Jubelrufe seiner Bischöfe auf Hitler herabregnen, bei dessen Geburtstagen, Errettungen vor Attentaten, militärischen Siegen“, voller Beifall und Ansporn zumal für die machtpolitischen Ziele der Faschisten, insbesondere gegen Liberale, Sozialisten, Kommunisten, schließlich auch gegen die atheistische26 Sowjetunion, wobei dieser Papst zugleich die Unterwerfung der Russisch-Orthodoxen Kirche ersehnte, ein lang gehegtes Ziel seiner Kirche: „Mitten im Krieg ließ er gleich durch zwei Nuntien (in Vichy und in Madrid) ausrichten, er wünsche ‚dem Führer nichts sehnlicher als einen Sieg‘.“

Für die Zeit nach dem Pontifikat Pius XII. (ab 1958) zeigt Deschner auf, dass sich, trotz des „Reformpapstes“ Johannes XXIII., des Zweiten Vatikanischen Konzils27, an der kurialen Machtpolitik nichts Wesentliches änderte. Nach geglückter Zähmung des „Reformgeistes“ unter Paul VI. kehrte Johannes Paul II. endgültig zum konservativen Kurs seiner Vorgänger auf dem „Stuhl Petri“ zurück, woran Schmidt-Salomon anknüpft in einem Nachwort für die Neuausgabe. Er verdeutlicht darin die Entwicklungen seit dem Ende des real existierenden Sozialismus, durch diesen Pontifex entscheidend vorangetrieben, bis zu Benedikt XVI., einem Dogmatiker, zuvor Präfekt der Glaubenskongregation (einst: Inquisition), welcher durch die Einheit von Vernunft und Glauben, mit Primat natürlich des letzteren, ein Bollwerk zu schaffen suchte gegen die Schwächung der Kirche – in Europa durch säkulare, im Rest der Welt, zumal Südamerika, der Heimat seines Nachfolgers Franziskus I.28, durch evangelikale Kräfte.

„Oberteufel“ oder „Ein moderner Voltaire“29?

Zur Rezeption von Karlheinz Deschners kirchenkritischem Werk

„Die herrliche Mischung von leidenschaftlichem Engagement,
klarster Logik, beißendem Sarkasmus und überwältigendem Wissen
überzeugt, reißt mit. Hier kämpft ein moderner Voltaire.“ Nelly Moia

Wahrlich nicht alle Leser und Rezensenten Deschners sehen das so, sehen ihn, wie der Philosoph Hermann Josef Schmidt, als den „brillantesten, konsequentesten und substantiellsten Kirchenkritiker dieses Jahrhunderts“.30 Denn ein streitbar-polemischer Autor wie Karlheinz Deschner polarisiert, will polarisieren. Da letztlich jeder so denkt, wie er’s braucht (Fichte), werden in der Rezeption von Deschners Werk (z.T. nachzulesen auf deschner.info/Resonanz) seine Motivation, Methodik und Arbeitsweise sowie mögliche Einwände recht unterschiedlich gewertet bzw. gewichtet.

Die Hauptvorwürfe, auch im Band „Sie Oberteufel“, einer Auswahl aus über 35.000 Briefen31, richten sich zum einen gegen zumeist fehlende eigene Quellenforschung, gedeutet als Beleg seiner „Unwissenschaftlichkeit“. Deschners Verteidiger, darunter etliche evangelische, auch katholische Theologen, würdigen ihn jedoch, u.a. eingedenk der über 100.000 Quellen- und Literaturbelege auf rund 7000 Seiten Kirchenkritik, gerade als gewissenhaften Multiplikator der Ergebnisse ihrer eigenen jahrzehntelangen Forschungsarbeit für interessierte Laien, ihm allein gar nicht möglich, sonst stünde er heute noch bei Band I32).

In welchem Ausmaß er diese „Laien“, aber auch einfache Kleriker, erreichte, dokumentieren bis in die Gegenwart zahllose Briefe an ihn, teilweise auch in „Sie Oberteufel“ veröffentlicht (vor allem im Kapitel „Befreite“): da sprechen Menschen, die sich, zweifelnd zuweilen schon lange, durch seine Bücher – glaubens- wie kirchenkritische Demaskierungen des klerikalen Heiligenscheins – emotional und mental endlich, mit bestem Gewissen, von Kirche und Christentum befreien konnten, vom Druck eines riesigen Propaganda-Apparates, der ihnen den Weltuntergang, zumindest den Garaus von Ethik und Zivilisation etc., suggerierte, wenn die christliche Religion und Kirche zusammenbrächen (forciert durch rasant zunehmende Kirchenaustritte zumal unter Lesern kirchenkritischer Bücher wie jenen Deschners…).33

Akademische und publizistische Kontrahenten Deschners hingegen kritisieren des weiteren die „subjektiv-einseitige“ historische Optik und emotionale Sprache des Gewalt-Chronisten, seine Fixierung auf die Gräueltaten der Kirche, blind für „Lichtgestalten“ wie etwa Franz von Assisi. Doch Deschner, der bei den meisten seiner Zunft – apologetische Beschöniger auch des Scheußlichstenxxxiv – „die Tränen, das Heulen und Zähneknirschen und das furchtbare Getöse gegenseitigen allgemeinen Mordens“ (Schopenhauer) vermisstxxxv, hat bereits in der ausführlichen Einleitung zur „Kriminalgeschichte“ die Möglichkeit einer „objektiven“ Geschichtsschreibung bestritten und seine entschiedene Parteinahme für „die da unten“ begründet. Er schreibe bewusst „cum ira et studio“, mitleidend mit den Abermillionen Opfern unstillbarer Machtgier der Kirche, verfilzt „weniger mit den jenseitigen Mächten als mit denen dieser Welt“36 Auf die von Anfang an politikbestimmenden Leitlinien der Amtskirche konzentriere er sich, nicht auf rühmliche Ausnahmen.37

Gescheiterten Versuchen, den unbequemen, beliebte Denk- und Deutungsschablonen unterminierenden Kirchenkritiker zunächst zu kriminalisieren (wegen einer Rede in Nürnberg 1969)38, dann über längere Zeit hin totzuschweigen, folgte schließlich, als sein Werk, auch durch etliche Preise39, vermehrte öffentliche Resonanz fand, 1992, zwecks Schadensbegrenzung, doch ohne den erhofften breiten Widerhall, ein mehrtägiges Anti-Deschner-Symposium der katholischen Akademie Schwerte,.40 Die Ergebnisse blieben nicht unwidersprochen.41 Denn am Aufklärungswert des Ganzen ändert das alles nichts. Daran ändert auch nichts die Kritik nun auch aus säkularen Kreisen, etwa jene von Armin Pfahl-Traugber, insbesondere an ungenügender „analytischer Reichweite“ von Deschners „Anklageschrift“, oder von dessen Freund Joachim Kahl an Deschners „negativem Menschenbild“, an seinem allzu skeptischen Politik- und Geschichtsverständnis, beides nebst Repliken von Schmidt-Salomon und mir veröffentlicht im Band „Aufklärung ist Ärgernis“ von 2006 (Alibri).42

Andere hingegen, wie Ludger Lütkehaus43, sehen ihn nicht „abgebrüht“, nicht „zynisch“, sondern orientiert an humanen Prinzipien wie etwa der Bergpredigt, sein ethischer Rigorismus freilich sei „weniger gnädig“. Ein „Moralist“? Gewiss, doch im besten aufklärerischen Sinn, schon früh notiert: „Aufklärung ist Ärgernis: wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“ Deschner übt Kritik nicht um der Kritik willen, sie ist ihm unerlässliche Vorbedingung jeder Verbesserung menschlicher Verhältnisse. Darum geht es ihm. Trotz aller Skepsis – seine zweite Natur – mühte er sich „ein Leben lang, daß es besser werde, eher früher als später“.44

 

1 Dieser Aphorismus und die folgenden (im Kursivdruck) wurden Deschners drei Aphorismenbänden entnommen – „Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom“ (1985), „Ärgernisse“ (1994) und „Mörder machen Geschichte“ (2003), denen eine von Lenos/Basel edierte Auswahl alter und neuer Aphorismen letzter Hand folgen wird mit dem für Deschners Rückblick auf sein Leben, seine Zeit, vielsagenden Titel: „Anonym wie der Wind oder Illusionen keine“. Auch darin, wie in der panhaften Sprachmusik seiner Naturlyrik oder in seinem Frankenbuch Dornröschenträume und Stallgeruch. Über Franken, die Landschaft meines Lebens (1989/2004), fortgesetzt 1998 in „Die Rhön. Heidnisches und Heiliges einer einsamen Landschaft“, wird die Gegenwelt deutlich, aus der dieser privat meist überaus sanftmütige,ja scheue Autor Kraft schöpft für seinen jahrzehntelangen Kampf gegen das literarisch „Unechte“ wie kirchenhistorisch
„Unrechte“ – dem Einsatz für Tiere hätte er gern mehr Zeit gewidmet, als ihm während seiner wöchentlich hundert Arbeitsstunden möglich war.

Seine Haltung ihnen gegenüber kommt in zahlreichen Aphorismen zum Ausdruck (etwa in diesem: Schöpfungsbefehl – „zwar ein ‚Kulturbefehl‘ angeblich, ‚ein Imperativ der Freude und Fröhlichkeit‘, tatsächlich das umfassendste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus“ oder in diesem: „Alle Tiere kann man nicht retten; aber ein Tier zu retten, ist für dieses Tier alles.“), ebenso in der Schrift „Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen“ (Asku-Presse 1998; http://antispe.de/txt/verbrechen.html) und in seinem Interview mit Susann Witt-Stahl – „Eine Revolution wäre nötig“ in „natürlich vegetarisch“ (3/2005): http://www.vebu.de/menschen/interviews/304-eine-revolution-waere-noetig .

2 1957, ein Jahr nach seinem vielbeachteten Romanerstling „Die Nacht steht um mein Haus“, einer schonungslos ehrlichen Auseinandersetzung mit sich und der Adenauerschen Bundesrepublik, so sprachmächtig wie alle späteren Werke, Sachbücher inbegriffen, überraschte er die literarische Öffentlichkeit mit seiner ersten fulminanten
Literaturkritik „Kitsch, Konvention und Kunst“, ein Buch, so Günter Maschke im „Buchmagazin“ zur überarbeiteten Neuausgabe 1980, durch das „eine ganze Generation lesen lernte und begriff, daß die bedeutende deutsche Prosa nicht von Bergengruen, Carossa oder Böll, sondern von Jahnn und Musil geschrieben wurde“. Es folgten 1964 „Talente, Dichter, Dilettanten. Überschätzte und unterschätzte Werke in der deutschen Literatur der Gegenwart“, und 2007 „Poeten und Schaumschläger. Von Jean Paul bis Enzensberger. 24 Aufsätze zur Literaturkritik. Mit einem Vorwort von Ludger Lütkehaus“. Ludwi g Marcuse urteilte in der ZEIT: „Nur mit den Deschners ist eine große deutscheLiteraturtradition zu regenerieren, die Kunst des homerischen Streits: das beste Wort für die notwendige Attacke.“

3 In den 18 (von rund 100) ausgewählten Antworten auf die 1957 (!) viel Staub aufwirbelnde Umfrage „Was halten Sie vom Christentum“, von Deschner angestoßen aus der tiefen Überzeugung von der Fragwürdigkeit der bis dato in kulturbürgerlichen Kreisen weitgehend fraglos bejahten christlich-abendländischen Werte, spiegelt sich deren Relativität, ja teilweise Inhumanität ebenso wie etwa in dem (dringend einer Neuedition harrenden) Sammelband „Das Christentum im Urteil seiner Gegner“ (1969/1971; 1986). Darin werden Schlüsseltexte von bedeutenden antiken bis
modernen Kritikern christlicher Glaubensgrundlagen und der blutigen Geschichte ihrer machtvollen Durchsetzung von Kritikern unserer Tage vorgestellt und kommentiert. Der Vielfalt von Deutungen des synoptischen Jesus, denen Deschner besonders ausführlich bereits 1962 in seiner ersten kritischen Kirchengeschichte „Abermals krähte der
Hahn“ nachging (siehe Anm. 7) widmet sich sein Sammelband „Jesusbilder in theologischer Sicht“ (1966), der neuzeitlichen blutigen Geschichte dieser Kirche der Band „Das Jahrhundert der Barbarei“, von Deschner herausgegeben im Jahr nach seiner epochalen Abrechnung mit der klerofaschistischen Barbarei in „Mit Gott und den
Faschisten“(1965). Der Blutspur der gesamten Kirchengeschichte gilt der Sammelband „Kirche und Krieg. Der christliche Weg zum Ewigen Leben“, just im selben Jahr, 1970, herausgegeben, in dem es erste, das kirchenkritische Hauptwerk Deschners betreffende Kontakte Deschners mit dem Rowohlt Verlag gab, vertreten durch den Lektor
Hermann Gieselbusch, der ihm bis zum zehnten und letzten, im März 2013 erschienenen Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“ verlässlich-kompetent zur Seite stand. Ebenfalls 1970, gleichsam als Quintessenz seiner bisherigen glaubens- und kirchengeschichtskritischen Werke, gab Deschner die Ergebnisse seiner Umfrage „Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin“ heraus, 20 Jahre später (1991), mit gleicher Intention, zusammen mit Horst Herrmann den „Anti-Katechismus. 200 Gründe gegen die Kirchen und für die Welt“. – Ein Exot gleichsam unter Deschners Sammelbänden ist die1968 (!) erschienene Umfrage „Wer lehrt an deutschen Universitäten“, worin, ganz Deschnergemäß, scheinbar  sakrosankte akademische Autoritäten diverser Disziplinen wie Helmut Thielicke (von Hans Wollschläger), Golo Mann (von Wolfgang Beutin), Benno von Wiese (von Peter Schütt), und Walter Jens (vom Herausgeber Karlheinz Deschner) kritisch hinterfragt werden im Kontrast zu bedeutenden Impulsgebern für neue Sichtweisen auf Gesellschaft und Individuum wie Fritz Fischer (von Wolfgang Beutin) und Alexander Mitscherlich (von Joseph Welter).

4 Wie bei den vorangegangenen Bänden der Kriminalgeschichte ist auch zum zehnten Band ein umfangreiches Begleitheft erschienen, das in digitaler Form von der Website des Rowohlt-Verlags heruntergeladen werden kann: http://www.rowohlt.de/fm/634/Deschner_zu_Band_10.pdf (siehe auch www.deschner.info ). Eine CD-Rom für die
Bände 1-8 gibt es nur noch antiquarisch, sie ermöglicht Interessierten die rasche Auffindung von Personen und Themen, für letztere bereitet Rowohlt einen Index zu sämtlichen Bänden der „Kriminalgeschichte“ vor. Ein dokumentarisches
Porträt des Religions- und Kirchenkritikers Deschner von Peter Kleinert und Marianne Tralau ist als DVD mit dem (zuweilen missverstandenen, siehe Anm. 14) Titel „Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger
Mensch“ lieferbar, zu beziehen über Alibri-denkladen.

5 http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Kirchenkritik/Karlheinz-Deschner-Die-Politik-der-Paepste::429.html. Auch wenn immer wieder zu lesen ist, Deschner habe es „nur“ bis zum 18. Jahrhundert geschafft: Tatsache ist, dass er bereits 1982/83, vier Jahre vor Erscheinen des ersten Bandes der „Kriminalgeschichte“, bestimmt durch „die weltweite
Aktivität des heutigen Pontifex“ (Johannes Paul II.), die Papstgeschichte der neuesten Zeit in zwei Teilen unter dem Titel herausgab „Ein Jahrhundert Heilsgeschichte. Die Politik der Päpste im Zeitalter der Weltkriege“, die erste erweiterte Neuauflage in einem Band erschien bei Rowohlt 1991.

6 Karlheinz Deschner, „Was ich denke“ (S. 12), womit die von Horst Herrmann herausgegebene Reihe „Quer/Denken“ 1994 eröffnet wurde.

7 Von den rund 700 Seiten dieses wichtigen, weil grundlegenden, erstmals 1962 erschienenen (später mehrfach, zuletzt, nach anfänglicher Ablehnung, in einer Taschenbuchausgabe bei Rowohlt aufgelegten Werks (Neuedition durch Alibri
geplant für 2014) sind allein zwei Drittel den Ursprüngen des christlichen Glaubens – darunter auch den jüdischen und heidnisch-hellenistischen Quellen der Lehre und Ethik des synoptischen Jesus – und seiner Dogmen gewidmet („Vom periphersten Brauch bis zum zentralsten Dogma, vom Weihnachtsfest zur Himmelfahrt: lauter Plagiate.“ – Siehe auch „Opus Diaboli“ 1987, Seite 126, und Anm. 18) sowie dem Frühkatholizismus (siehe auch Anm.9). Im Rest beleuchtet Deschner „Die siegende Kirche“ von Konstantin bis zum Faschismus. Das meines Erachtens Beste aus seiner satirischen Feder gilt der trinitarischen Basis des christlichen Glaubensbekenntnisses, vorgetragen anlässlich der
Verleihung des Alternativen Büchnerpreises 1993: „Unsere tägliche Illusion gib uns heute“, nachlesbar im Beiheft zu Band 10, Seite 23-28, siehe oben Anm. 4.
8 Band 10 von Deschners Hauptwerk – und damit dieses selbst – schließt mit den Worten: „Seit Konstantin wurden Heuchelei und Gewalt die Kennzeichen der Kirchengeschichte, wurde Massenmord zur Praxis einer Religion. Einen zu
töten war strikt verboten, Tausende umzubringen ein gottgefälliges Werk. Das Ganze heißt nicht Geisteskrankheit, das Ganze heißt Christentum.“ (Siehe Anm. 16)

9 Ausführlich schon hier (siehe Anm. 7); ferner 1971 in „Der manipulierte Glaube. Eine Kritik der christlichen Dogmen“ (zusammen mit Klaus Ahlheim und Hans Erich Lampl); 1988/2004 in „Der gefälschte Glaube. Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergründe“, mit einem Aphorismus Deschners als Motto für eines seiner wichtigsten Bücher: „Es gäbe wenig Gläubige auf der Welt, kennten sie ihre Glaubensgeschichte so gut wie ihr Glaubensbekenntnis.“

10 In diesem Absatz folge ich Gedanken von Hermann Josef Schmidt, dem wohl besten Kenner dieses Deschner‘schen Monumentalwerks, in seiner Laudatio bei der Feier von dessen Abschluss am 23.3.2013 in den Räumen der Giordano Bruno Stiftung. (Nachzulesen auf deschner.info; Langfassung siehe http://www.gkpn.de/Schmidt_Deschner-Laudatio2013.pdf )

11 Deren dritter Band, „Verdummung, Ausbeutung, Vernichtung“, deckt den – meist hagiographisch verklärten – höchst fragwürdigen Untergrund des Ganzen auf. – Dem weiteren Ausbau klerikaler Macht im Mittelalter (ca. 500 bis ins 14. Jahrhundert) gelten die Bände 4-7. Im neunten Jahrzehnt beendete Deschner sein Lebenswerk mit den Bänden 8-10 über den Weg der Kirche von der Renaissance über Reformation und Aufklärung bis zur Schwächung des Papsttums während des Josephinismus – einer „Revolution von oben“ – im ausgehenden 18. Jahrhundert.

12 Zu den Anfängen siehe Band III der „Kriminalgeschichte“, Kapitel 5 „Ausbeutung“. „Der Kirchenstaat“, so Deschner, „bestand nicht nur aus Kirchen: Armeen und Geldsäcken auch, Verhungernden und Kerkern,Waffenfabriken und Folterkammern, aus Freudenhäusern und Scheiterhaufen und riesigen Scharen Versklavter.“ („Ärgernisse“, S. 69; vgl. „Opus Diaboli“, 1987, S. 119 ff, siehe Anm. 18). – Näheres siehe Horst Herrmann, „Die Kirche und unser Geld. Wie die Hirten ihre Schäfchen ins trockene bringen“, 1992. Bezogen auf die BRD vgl. die Bücher u.a. von Carsten Frerk im Verlag Alibri: Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland, 2002. Caritas und Diakonie in Deutschland, 2005. Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert. 2010. – Schon
1974, in seinem Buch „Kirche des Un-Heils“, listete Karlheinz Deschner Erstaunliches auf über „Das Kapital der Kirche in der Bundesrepublik“, das immense Vermögen der Kirche weltweit einbeziehend, ebenso den von Pius XII. bei seinem Tod hinterlassenen „privaten (!) Schatz von 80 (achtzig) Millionen DM in Valuten und Gold“; seine drei Neffen, Marcantonio, Carlo und Giulio, während dieses langen Pontifikats hohe Würdenträger der Kurie, waren zugleich Präsidenten und Aufsichtsräte maßgeblicher Banken und Monopolgesellschaften. (Siehe auch das Kapitel „Eines nur ist not …“ in „Politik der Päpste“, S. 663 ff, dem ein Dictum Pius XII. als Motto vorangestellt ist: „Die
Kirche Christi geht den Weg, den ihr der göttliche Erlöser vorgezeichnet hat. … Sie mischt sich nicht in rein … wirtschaftliche Fragen ein.“ Ebd. Seiten 856 ff und 884 ff)

13 Deschner, ein „Wahrheitsfanatiker“( so das Urteil von Hans Erich Nossack)? Oder ein Mensch mit ungewöhnlich ausgeprägtem Wahrhaftigkeits- und Gerechtigkeitsempfinden? Unvoreingenommenen Lesern wird sich der ethische
Impetus dieses Werks durchgängig erschließen. (Siehe auch Anm. 14, 36 und 44) Wer, wie jüngst ein Kritiker, Deschners „gequälter Seele“ ein Stück „Versöhnung mit der Wurzel“ wünscht, sollte vielleicht seine teilnehmende Aufmerksamkeit mehr auf jene Gequälten richten, für deren namenloses Leid Deschner wohl stärker sensibilisiert ist und andere sensibilisiert als so manche seiner Kritiker.

14 Zu Deschners Ethik (inkl. Tierethik) und Agnostizismus vgl. seinen Beitrag „Warum ich Agnostiker bin“ in dem von ihm 1977 herausgegebenen Sammelband „Warum ich Christ/Atheist/Agnostiker bin“ sowie meine Essays in „Aufklärung und Kritik“ 3/11 http://www.gkpn.de/Roewer_Tierethik.pdf und 3/12 http://www.gkpn.de/Roewer_Deschner2012.pdf. Siehe auch Anm. 7 und 9. – Deschner, der einmal von sich sagte: „Lieber möchte ich in tausend Zweifeln sterben als um den Preis der Lüge in der Euphorie.“, stellte in einem Gespräch mit David Signer von der „Weltwoche“ (4.4.2007) klar: „So lese man auch meinen, oft verkürzt zitierten, Aphorismus nicht gegen den Strich: ‚Von Zweifel zu Zweifel, ohne zu verzweifeln. Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch.’ – Denn woran ‚glaube’ ich? ‚Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass die kleinste Hilfe oft mehr taugt als der größte Gedanke.‘ (…) – Und: ‚Ich glaube an den Triumph des Unkrauts über die Chemie.’ (…) . – Somit glaube ich (…) mit allem, was ist, einbezogen zu sein in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.“

15 Am Schluss seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ finden sich Sätze Deschners wie dieser: „Es muß ein eigentümliches Vergnügen sein, über Äonen, über alle Zusammenbrüche, alles Völkernasführen und Völker ruinieren hinweg die Heuchelei zur Kunst aller Künste zu machen (…). Wo sonst noch gibt es diese atemverschlagende Mischung von Wolfsgeheul und Friedensschalmei, Weihnachtsbotschaft und Scheiterhaufen, von Heiligenlegende und Henkersgeschichte! Wo sonst dies allumfassende Liebespalaver und den praktisch allesverschlingenden Haß! Wo sonst
eine Religion, die aus Liebe tötet, aus Liebe foltert, aus Liebe raubt, erpreßt, entehrt, verteufelt und verdammt! Es wurde die große, die weltbeglückende Praxis des Christentums.“

16 Zeit vorausgesetzt, hätte Deschner, im Sinn des Eingangszitats, unter jeweils eigenem Vorzeichen natürlich auch eine Kriminalgeschichte anderer Religionen und Ideologien schreiben können, weiß er doch um das Wüten destruktiver
Kräfte unserer Spezies – „Kultur ist nur der dünne Firnis auf der Fratze unserer Barbarei.“ – So erwuchs denn auch, so Deschner im Vorwort zum letzten Kapitel des 10. Bandes, die zehnbändige „Kriminalgeschichte des Christentums“ aus dem ursprünglichen Plan einer „Geschichte des menschlichen Elends“. Ja, seinem Verleger schrieb er vor
Jahrzehnten sogar: „Ich möchte das Werk zu einer der größten Anklagen machen, die je ein Mensch gegen die Geschichte des Menschen erhoben hat.“ Dazu Arno Widmann: „Es gibt Sätze in diesem Buch [9. Band], die möchte man auswendig lernen, um niemals zu vergessen, welches die Grundlagen der Welt sind, in der wir leben.“ So sei Deschners Hauptwerk auch ein Warnschild: „Keine Ideologie, keine Religion, nicht einmal die der Nächstenliebe, bewahrt Menschen davor, andere Menschen zu pfählen, zu vierteilen, zu Hunderttausenden, zu Millionen umzubringen.“ (FR, 12.8.2008)

Man müsste hier allerdings mit dem religionskritischen Philosophen Robert Mächler, der Deschners Werk wie kein anderer in der Schweiz bekannt gemacht hat und der mit diesem Zitat die „Politik der Päpste“ ab 1939 eröffnet, hinzufügen: „Solange die Menschheit eine Religionsgeschichte hat, hat sie eine Kriegsgeschichte.“ (siehe www.robertmaechler-stiftung.ch ; Hans Küng, Kritiker Deschners, sieht das mit seinem „Projekt Weltethos: Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ freilich anders – an den konstitutiven Absolutheitsansprüchen jeder der monotheistischen Religionen
vorbei?) Auch in einer Welt ohne Religionen wird es Kriege geben (siehe Anm. 26), doch in einer Welt mit Religionen dienen sie äußerst erfolgreich immer auch der Fanatisierung militanter Massen im Kampf gegen Andersgläubige – meist zur Durchsetzung der Machtinteressen ihrer jeweiligen weltlichen und geistlichen Herrscher, was Deschner
unermüdlich verdeutlicht: „Die ganze Geschichte des Christentums war in ihren hervorstechendsten Zügen eine Geschichte des Krieges, eines einzigen Krieges nach außen und innen, des Angriffskriegs, des Bürgerkriegs, der Unterdrückung der eigenen Untertanen und Gläubigen.“ Jenen unter seinen Kritikern aber, die behaupten, Krieg und
andere Gewalt sei vorzeiten (vorzeiten?) Teil der Alltagsrealität gewesen und daher aus heutiger Sicht nicht zu verurteilen, entgegnet der Autor: „Doch hat man stets, wenigstens in den letzten 2000 Jahren, Raub, Mord, Ausbeutung, Krieg für das gehalten, was sie waren und sind.“

17 Die Protestanten haben ebenfalls, wenngleich relativ geringen, Anteil an der von Deschner aufgezeichneten „Kriminalgeschichte“. Schon die Reformatoren blieben, so legt er dar, weit hinter ihrem Ziel einer grundlegenden Erneuerung der Kirche „vom Evangelium her“ zurück, etwa mit dem theokratischen Fanatismus eines Calvin oder mit
Luthers Obrigkeitsdenken und seinen Hassreden gegen Juden und andere: „Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation!“ – deren 500. Jahrestag demnächst ausgiebig gefeiert werden soll. Auch protestantische Könige und Feldherren verhielten sich nicht minder widersprüchlich als die katholischen, was Deschner etwa am Beispiel Karls XII. von Schweden in den
blutigen konfessionellen Kämpfen Skandinaviens und im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) zeigt: tiefgläubig seiner lutherischen Kirche verbunden, hemmten ihn keinerlei Skrupel bei der Vernichtung der Feinde wie auch im rücksichtslosen Umgang mit dem eigenen Heer, das stets von einer kleinen Armee schwedischer Feldgeistlicher
angespornt wurde – wie später dann etwa die deutschen Heere im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

18 In einer Rede Deschners 1969 in Nürnberg, welche zu einer Anklage wegen Kirchenbeschimpfung durch zwei Katholiken führte – der Prozess gegen ihn wurde 1971 „wegen Geringfügigkeit“ eingestellt – , heißt es dazu: „Hauptsache: mit Gott dem Herrn! … Mit Gott gegen die Heiden, mit Gott gegen die Juden, mit Gott gegen die
Langobarden, die Sachsen, die Sarazenen, die Ungarn, die Briten, die Polen; mit Gott gegen die Albigenser, mit Gott gegen die Waldenser, mit Gott gegen die Stedinger, die Hussiten, die Geusen, die Hugenotten, die Bauern; mit Gott gegen die Protestanten mit Gott gegen die Katholiken, mit Gott vor allem auch gegeneinander, mit Gott in den Ersten Weltkrieg, mit Gott in den Zweiten, mit Gott gewiss auch noch in den dritten; ökumenische Schlachtfeste sondergleichen…“; Abdruck der Rede „Ecrasez l’infâme oder über die Notwendigkeit, aus der Kirche auszutreten“ u.a. in „Opus Diaboli“ 1987, S. 115-129.

19 Siehe Anm. 28.

20 Ein Beispiel: Im Kapitel „Stalin und die Kollaboration von Orthodoxen und Katholiken“ aus „Die Politik der Päpste“ zeigt Deschner, wie die Führer der russisch-orthodoxen Kirche 1943 Stalins Einladung zur Mitwirkung, trotz Gegnerschaft zu den Sowjets zuvor, des eigenen Nutzens halber annahmen. Sein Kommentar: Der Klerus tat nur, „was er seit dem 4. Jahrhundert tat; er ging, formuliert Katholik [Friedrich] Heer, ‚noch in jeder Geschichtsstunde mit jedem Machtherren ins Bett‘“. (Zit. nach H. J. Schultz /Hrsg., Kritik an der Kirche, 1958, S. 40 – gleichbetitelter Text von Heers Funk-Vortrag)

21 Auch für diesen Zeitraum vermerkt Deschner den für die Geschichte der Kirche immer wieder bezeichnenden Spagat des Vatikans gegenüber drohenden Glaubenserschütterungen der Massen, ihrer Entfremdung von der Kirche mit
Schwächung klerikaler Macht: Einerseits, etwa durch Verkündung päpstlicher Unfehlbarkeit durch Pius IX. oder durch den streng antimodernistischen und antirussischen Kurs Pius X., Abwehr neuer Entwicklungen wie nun der liberalen
und demokratischen bis hin zu sozialistisch-kommunistischen Strömungen in Europa sowie bahnbrechender naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse, andererseits Anpassung an die Zeit wie durch Leo XIII. (Graf Pecci), der – „Ego sum Petrus!“ – als „Arbeiterpapst“ mit seiner gegen den zunehmenden Einfluss der Linken gerichteten
„Arbeiterenzyklika“ die Rückgewinnung der Massen für die Kirche erstrebte – und zugleich die Weltherrschaft. Eine weitere Variante von Strategie und Taktik des Vatikans verdeutlicht Benedikt XV., der während des Ersten Weltkriegs
eine vom jeweiligen „Kriegsglück“ bestimmte Schaukelpolitik zwischen Entente- und Mittelmächten vollführte und sich an dessen Ende, wie schon die „Stellvertreter Gottes“ vor ihm (und wie nach ihm dann vor allem Pius XII. mit seinem Schwenk am Ende des Zweiten Weltkriegs hin zu den alliierten Gewinnern des Krieges, zumal den USA) auf
die Seite der Sieger schlug, sobald er sich von diesen mehr Vorteile versprach (vgl. Heer-Zitat in Anm. 20). Deschner verweist in den Kapiteln über Leo XIII. und Johannes XXIII. auf „… jenes horrend verspätete Nachhetzen mit heraushängender Zunge, jenes atemlose hinter der Zeit Herjappen, das Tucholsky verhöhnt: „Wir auch, wir auch!, nicht
mehr, wie vor Jahrhunderten: Wir. Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. …“ in: Gesammelte Werke, 1960, III, S. 410.

22 Pacelli unterstützte Mussolinis Krieg gegen das hoffnungslos unterlegene abessinische Volk „mittels der Segnungen auch einer vatikanischen Munitionsfabrik, mittels Bombenflugzeugen, Madonnenbildern, Giftgas und Flammenwerfern,
während er dies alles zugleich durch die Bischöfe Italiens als heilig, als Kreuzzug, Evangelisation und große zivilisatorische Wohltat an den äthiopischen ‚Barbaren‘ propagieren ließ“. Und im Spanischen Bürgerkrieg, der 600.000 Spaniern das Leben kostete, feierte Pacelli die „sehr edlen christlichen Gefühle“ Francos, laut
Selbstbezeichnung ein „Kämpfer Christi“ und „Werkzeug der Vorsehung“, der auch danach noch bis 1942 über 200.000 Menschen erschießen ließ, auf Wunsch Pius XII. „die alten christlichen Traditionen“ wieder aufnehmend. (Deschner, „Wie man Seliger wird“, FR, 21.9.2011).

23 Deschners epochales Werk „Mit Gott und den Faschisten“ von 1965 endete mit einer Prognose, deren Bestätigung er durch Benedikt XVI. mit seinem Plan einer  Seligsprechung jenes Papstes in greifbare Nähe gerückt sah: „Erwägt man das Verhalten Eugenio Pacellis zur Politik von Mussolini, Franco, Hitler und Pavelić, so scheint es kaum eine Übertreibung zu sagen: Pius XII. ist wahrscheinlich mehr belastet als jeder andere Papst seit Jahrhunderten. Mittelbar und unmittelbar ist er so offensichtlich in die ungeheuersten Greuel der faschistischen Ära und damit der Geschichte
überhaupt verstrickt, dass es bei der Taktik der römischen Kirche nicht verwunderlich wäre, spräche man ihn heilig.“

24 Man hat die orthodoxen Serben „lebendig begraben, lebendig verbrannt, lebendig gekreuzigt“ und dies „mit Hilfe einer hochaktiven, selber schießenden, selber köpfenden Geistlichkeit – voran die Franziskaner“. Allein im Todeslager von Jasenovac etwa wurden, zeitweise unter dem Kommandanten Filipović-Majstorović, einem Franziskaner, etwa 200.000 Serben und Juden bestialisch zu Tode gequält – nicht ohne den Segen und mit Billigung Pius XII, dieses „stets
so seraphisch erscheinenden, so weithin verehrten, fast vergötterten Asketen“. Siehe das Kapitel „Katholische Schlachtfeste in Kroatien oder ‚das Reich Gottes‘“ in Deschners „Die Politik der Päpste“ sowie das Buch von Milan Petrović und Karlheinz Deschner „Weltkrieg der Religionen – Der ewige Kreuzzug auf dem Balkan“ (1995).

25 Pars pro toto für die Vielzahl ähnlicher klerikaler Verlautbarungen sei an den Hirtenbrief der deutschen Bischöfe schon vom Juni 1933 erinnert, worin Hitlers Herrschaft als ein „Abglanz der göttlichen Herrschaft und eine Teilnahme
an der ewigen Autorität Gottes“ gepriesen wird.

26 „Atheismus“, dieses so beliebte klerikale Feindbild bei der Bekämpfung von Marxismus/Kommunismus weltweit (siehe Anm. 28), galt ja, wie etwa das Konkordat vom 20.7 1933 zeigt, nicht für den faschistischen Totalitarismus gleichermaßen. Und dies sicher nicht nur, weil etliche seiner Vertreter, Katholik Hitler voran, dem Gottesglauben nie eine Absage erteilten, im Gegenteil, auch sie verbanden dessen Verneinung im Atheismus stets mit der „Pest“ des Marxismus/Kommunismus (zuweilen auch des „jüdischen Bolschewismus“). Und dies gewiss so wenig aus primär ideologischen Gründen wie die Catholica: beiden ging es um Macht der wenigen über die meisten, um deren Wahrung und Mehrung, ging es um Kampf gegen alles links von der Mitte als am stärksten zu fürchtende Bedrohung ihrer Macht. Der Atheismus-Vorwurf diente demnach beiderseits auch hier (wie „Religion“ zumeist in kriegerischen Auseinandersetzungen, siehe Anm. 15) zur Anstachelung fanatisierter Massen bei gleichzeitiger Verschleierung der tatsächlichen machtpolitischen Ziele. Zum Ganzen vgl. Frank Berghaus u.a. in http://www.wissenbloggt.de/?p=17414 .

Und im Gegenzug sei auch dies hierzu angemerkt: Der ebenfalls immer wieder, vor allem von Monotheisten, zu vernehmenden Meinung, Atheismus sei per se der Urquell
alles Bösen in der Welt, wie auch dem in einer meiner Ethik-Prüfungen gegen mich als dezidierte Agnostikerin gerichteten Vorwurf, ohne Gottesglauben sei Humanität von vornherein unmöglich, bedürfe diese doch stets einer verlässlichen metaphysischen Verankerung, ist zum einen die Frage entgegen zu setzen, ob die von Karlheinz Deschner
aufgezeigte blutige Geschichte des Christentums nicht hinlänglich genug zeigt, dass ein Gottesglaube nun wahrlich kein Garant der Humanität ist (eher zuweilen wohl im Gegenteil, siehe Schluss von Anm. 44), zum andern die Frage, ob ein Ungläubiger, der einem „seiner geringsten Brüder“ um seiner selbst willen hilft, weniger ethisch handelt als jener, der es, nach dem bekannten Bibelwort, „um Jesu willen“ tut – und dafür, wie so manch ein Gläubiger, ganz und gar selbstlos einen besseren Platz im Himmel erhofft…
27 Siehe Schluss von Anm. 21.

28 Deschner bleibt, wie er in einem Gespräch mitteilte – im Unterschied zu Hans Küng (SZ, 11.5.2013) – skeptisch trotz zahlreicher Reformankündigungen des neuen Papstes innerhalb und außerhalb der Mauern des Vatikans. Er bleibt
skeptisch trotz dessen nun schon so oft deklarierter Einheit von „Glauben und Gerechtigkeit“ mit „Nähe zu den Armen“ nach dem Vorbild seines Namenspatrons. Wird Franziskus I., zuvor Jorge Mario Bergoglio, Kardinalpriester und
Erzbischof von Buenos Aires (in den 70er Jahren Provinzial der dortigen Provinz des Jesuitenordens, der immerhn über enorme Vermögenswerte und Aktienpakete multinationaler Konzerne verfügt), als Oberhaupt einer Kirche, die, selbst
gesegnet mit riesigem Kapital- und Grundbesitz (siehe Anm. 12), traditionsgemäß alle Strömungen von links, zumal den Marxismus (nach Paul VI. „eine ansteckende und damit tödliche Krankheit“), heftig befehdete und jegliche strukturellen Änderungen rein profitorientierten Wirtschaftens ablehnte (ganz besonders, wie Deschner im Kapitel über
Paul VI., Seite 833 ff, ausführlich darlegt, in Südamerika, dem katholikenreichsten Kontinent, wo die Amtskirche, wohl kaum mit Atheismus-Vorwurf, siehe Anm. 26, selbst gegen Kooperationsbündnisse von Christen und Sozialisten vorging): Wird, so fragt Deschner, der neue Papst Franziskus I. unter Armutsbekämpfung wirklich mehr verstehen als bestenfalls, wie etwa Leo XIII. mit seiner „Arbeiterenzyklika“, eine weitgespannte Caritas zur Linderung des eskalierenden Massenelends weltweit, zur Rückgewinnung nicht zuletzt vieler der Kirche entfremdeter Gläubiger wie
zur Verhinderung revolutionärer Unruhen? („Alle Revolutionen kosten Blut, am meisten aber die versäumten.“) – Mit den gut vernetzten argentinischen Menschenrechts- und Angehörigen-Organisationen hält auch Deschner es für nicht ausgeschlossen, dass Franziskus, unterstützt u.a. von den USA, gegenüber linken Regierungen in Lateinamerika eine ähnliche Rolle spielen könnte wie der Pole Johannes Paul II. gegenüber Repräsentanten des realexistierenden Sozialismus. (Zum Ganzen vgl. G. Röwer, Franziskus – „Papst der Armen“?

Deschners Skepsis gegenüber der die Herzen vieler Menschen erobernden Charme-Offensive des neuen Papstes und seinen zahlreichen Reformversprechen resultiert aber auch daraus, dass Wesentliches in der „Una sancta Catholica et Apostolica Ecclesia“ dennoch so bleiben wird, wie es stets war, dass weiterhin gilt, was Ökumene de facto von
vornherein ausschließt – Extra ecclesiam salus non est! (als Dogma aus dem 15.  Jahrhundert, trotz variabler Interpretation, bis heute gültig –): dass Franziskus I. weiterhin, trotz mitberatendem neuen Kardinalsgremium, als Pontifex maximus bei allen Entscheidungen das letzte Wort behält. Vor allem aber erinnert Deschner immer wieder
daran, was er in seiner kritischen Kirchenchronik des 19. und 20. Jahrhunderts (am Schluss des Kapitels zu Johannes Paul I.) über die morschen geistigen Grundlagen dieses Imperiums geschrieben hat: „Doch selbst wenn dies Institut fast zweitausendjähriger Verbrechen eines Tages, aus welchen Gründen immer, Frieden nicht nur predigen, sondern praktizieren, wenn es dafür leiden, schrumpfen, machtlos würde – es bliebe verächtlich, weil es dogmatisch unwahr ist. Eine auf Lug und Trug gebaute Kirche aber wird sich nie als ethisch brauchbar erweisen.“ (Siehe oben Anm. 7, 9 und 11) So lässt denn Deschner seine „Politik der Päpste“ enden mit einem Resümee all der zuvor aufgezeigten
Heilserwartungen nach fast jeder neuen Papstwahl (besonders eindringlich veranschaulicht zu Beginn des Kapitels über Johannes Paul II.): „In allem Grundsätzlichen gilt: Semper idem. (…) Jeder neue Papst spielt zwar seine Rolle etwas
anders, doch jeder spielt dieselbe Rolle – und einstweilen spielt die Welt auch noch mit.“

29 Der Philosoph Robert Mächler (siehe Anm. 16 Mitte) ging noch darüber hinaus: „Als entlarvender Religionspsychologe [z.B. im Essay „Warum ich Agnostiker bin“, Anm. 14], als sarkastischer Ankläger allen Mißbrauchs der Gottesidee übertrifft er den Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts.“

30 So wirbt denn auch Rowohlt für den 10. Band der „Kriminalgeschichte“ mit einem Urteil von Ingo Petz in „brand eins“: „Im Vergleich zu Deschner sind Kirchenkritiker wie Hans Küng oder Eugen Drewermann nur Kuscheltiere.“

31 In diesem von Deschners Töchtern herausgegebenen Band finden sich Schmähungen des Verfassers zum Beispiel als eines „hysterischen Historikers“, aber auch Briefe frommer Christen, darunter Nonnen und Priester, die für Deschner beten, dass er sein wichtiges Werk abschließen könne(siehe Anm. 33). Um die „Kriminalgeschichte des Christenums“ geht es – pro und contra – auch in dem 70-minütigen Videofilm von Ricarda Hinz und Jacques Tilly mit dem Titel „Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner“. Zu beziehen bei Ricarda Hinz, info@videoteuse.de oder www.denkladen.de.

32 Als seriöse Forschungsarbeit gilt Wissenschaftlern wie dem katholischen Theologen Bernhard Lang (in der F.A.Z. vom 10.4.2013) auch jene, welche die Ergebnisse gründlicher, zumal historisch-kritischer, Quellenstudien sachgerecht auswertet und jenen Lesern anschaulich vermittelt, „denen die Geschichte des Christentums als eine von Unrat freie Heilsgeschichte vermittelt worden ist“, Aufklärung darüber sei geboten. Stellvertretend für die achtungsvollen Stimmen jener, darunter etliche evangelische, auch katholische Theologen (siehe deschner.info), sei die des Göttinger Theologen Prof. Dr. D. Julius Gross zitiert: „Was unseren gelehrten Büchern versagt bleiben wird, Ihrem Werk dürfte es gelingen: die Masse der Gebildeten mit den Ergebnissen der modernen Forschung über das Christentum bekannt zu machen.“

33 Einige Beispiele daraus mögen für viele stehen. Eine Ex-Ordensfrau aus Oberbayern ließ Deschner am 1.10.1981 um ihre Klosterpein wissen: „… Ich bin eine einfache, alte Frau, 87 Jahre, und möchte einmal in meinem Leben mein Herz erleichtern. Und ich verdanke Ihnen viel durch Ihre Bücher…“ Auch ein homosexueller katholischer Lehrer aus Rheinland-Pfalz , aufgerüttelt durch Deschners Frühwerk „Abermals krähte der Hahn“ – „es eröffnete mir eine neue Weltsicht“ – vertraute sich ihm am 7.8.1970 an: „Sie bestärkten mich, daß es in der uns bekannten Menschheitsgeschichte keine Macht gab, die durch so lange Zeit soviel Leid und Vernichtung brachte…“. Ein wegen seiner Homosexualität einst zwangsexmatrikulierter Theologiestudent schrieb am 30.3.1989 aus Italien: „Ich lese alles, was Sie geschrieben haben, soweit ich es mir finanziell leisten kann (in Tb-Ausgaben), und ich finde alles grandios! Seit … 1947 habe ich auf Ihre Bücher regelrecht gewartet. 1972 trat ich aus der Kirche aus … ich muß Ihnen dafür
danken! Denn ich fühle mich danach befreit und innerlich zufrieden und ruhig. Ich hoffe nur, daß Ihre Bücher von viel, viel mehr Menschen gelesen und beherzigt werden …“ Ein protestantisch-puritanisch erzogener Mathematiker aus der Schweiz erinnert sich am 10.7.1984: „Dass meine unglaubliche Verklemmtheit – vor allem Frauen gegenüber –
wenigstens teilweise von der christlichen Moral herrührt, dies, obwohl ich selber schon lange nicht mehr gläubig gewesen bin, ist mir erst nach der Lektüre von „Das Kreuz mit der Kirche“ klar geworden. Allein für diese Einsicht schulde ich Ihnen großen Dank… Könnte ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein, würde mich dies sehr glücklich
machen.“ Ein Freiburger schreibt Deschner am 25.4.1988: „… Daß ich mit meinem ‚Unglauben‘ nicht einsam und verlassen dastand, verdanke ich der einschlägigen religionskritischen Literatur, in der mir Ihre Arbeiten die inhaltsvollste Zuständigkeit anboten…“, ein Schweizer dankt diesem Aufklärer am 22.12.1990: „Ihre große Arbeit … ist mir auf dem Weg zum aufrechten Menschen Nahrung und Orientierung. Ich bin immer glücklich, wenn ich wieder einen weiteren Schwindel durchschaue und mich erleichtert davon entbinden kann, daran glauben zu müssen. … Meine Frau war an Ihrem Vortrag in Winterthur und hat mir von da ein Exemplar des dritten Bandes der ‚Kriminalgeschichte
des Christentums‘ mitgebracht. Ich kann nur sagen: Eine Wohltat!“ Ein Sozialarbeiter aus NRW betont am 24.11.1989 den ethischen Impetus von Deschners Werk: „Etwas Großartiges, sehr geehrter Herr Deschner, haben Sie mir, wie vielen anderen Unzähligen, die auch noch nach uns kommen werden, geschenkt: die Bestätigung, daß es immer und
überall zuerst um den Menschen selbst gehen muß…“

34 Erfolg, so Deschner, rechtfertige für manche Historiker fast alles, auch das Ungeheuerlichste: „Spuren kleiner Verbrecher verfolgen Polizisten und Hunde; um die der großen dienern die Historiker.“

35 „Was Schopenhauer von der Philosophie sagte, (…) gilt es nicht hundertmal mehr von der Geschichtsschreibung?“ fragt der Aphoristiker Deschner, und weiter: „Was hat denn das akademische Gespreiz einer sogenannten Forschung mit all den namenlosen Opfern der von ihr gefeierten Geschichtsbanditen zu tun! Was ist denn die überlieferte
Geschichte neben der erlittenen!“ In seiner „Kriminalgeschichte“ verweist er auf etliche Euphemismen wie etwa „Das Land lud ein zur Eroberung“, wenn Karl, der sog. „Große“, auf seinen Eroberungsfeldzügen entsetzlichste Blutspuren hinterlässt.

36 „Politik der Päpste“, S. 12.Wohl niemand hat den Schreibantrieb Deschners so klar benannt wie sein Freund Hans Wollschläger: „Er schreibt als Kirchengeschichte die ganze Geschichte neu – und gibt sie in eben dieser Identität als die Kriminalgeschichte zu erkennen, die sie war. Das geht der gesamten Vertuschungs-Historiographie mitten ins Gesicht, und nur folgerichtig geschieht es mit allen dort verpönten Mitteln: urteilend, wertend – nämlich ‚moralisch‘ wertend, nämlich aus der Sicht der Opfer urteilend, die das alles erdulden mußten: eine Greuel-Chronik ohne Wenn und Aber. ‚Differenzierung‘ verlangt da habituell die Zunft-Kritik, um aus dem Blutsumpf in irgend eine ‚Idee‘ abheben zu können; nichtsda: sie brächte, aus der Nähe der Erduldenden gesehen, keine Differenz. Diese Nähe, an der er unerbittlich festhält, ist Deschners Prinzip – und seine ihm nicht entreißbare Legitimation.“ („Leitfaden a priori…Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums“, Deutschlandfunk 10.8.1997 u.ö.:

Über seine Parteinahme für die Opfer der Macht schreibt Deschner in „Was ich denke“( s. Anm. 6): „Nun, wenn’s denn schon ein Bekenntnis, ein klares, ungebrochenes, sein muß – mein ganzes Leben stand ich, mit ganzem Kopf, mit ganzem Herzen, auf einer Seite, ohne jedes Wenn und Aber, ohne jeden Zweifel, der doch sonst so zu mir gehört (…): Mein ganzes Leben stand ich auf Seiten der Erniedrigten und Beleidigten. Und keinen Augenblick auf der des Gegenteils. Für mich war das übrigens nie eine ‚politische‘ Frage. Für mich war ein Mensch immer wichtiger als seine Meinung.“ Als Aphoristiker pointiert er: „Einziger Grund, warum ich kein Kommunist bin: die Kommunisten. Der Grund, warum ich kein Christ bin: das Christentum.“„Man spricht gern von Problemen, ‚die Marx auch nicht löste‘ – um abzulenken von jenen, die er gelöst hat.“ Er fragt zugleich: „Gehört zur Verstaatlichung der Produktionsmittel denn immer auch die des Gehirns?“

37 Über „das Positive“, über die zu allen Zeiten löblichen Ausnahmen, welche – entgegen der Behauptung, die Untaten damals seien nun mal „zeitbedingt“ – verdeutlichen, was auch damals ethisch möglich war, schreiben, so Deschner, genügend andere; auch über die Widerständigen gegen den herrschenden Zeitgeist, einst blutig verfolgt, im Nachhinein gern benutzt zur Imageverbesserung, gebe es genügend Bücher. So hebt er in der Einleitung zur „Kriminalgeschichte“ hervor: „Nicht, weil ich nicht, was auch wahr ist, geschrieben habe, bin ich widerlegt. Widerlegt bin ich nur, wenn falsch ist, was ich schrieb.“

38 Siehe oben Anm. 18.

39 Seit 1988 wurde Deschners Werk mehrfach ausgezeichnet: auf den Arno-Schmidt-Preis folgte 1993 der Alternative Büchnerpreis, 2001 der Preis des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten und der Ludwig-
Feuerbach-Preis, 2004 der Wolfram-von-Eschenbach-Preis, 2006 der Premio letterario Giordano Bruno, Milano; im selben Jahr nahm ihn die Serbische Akademie der Wissenschaften als auswärtiges Mitglied auf, 2007 wurde der 2004 von dem Unternehmer Herbert Steffen, Begründer der Giordano-Bruno-Stiftung, gestiftete „Deschner-Preis“ erstmals verliehen (an den britischen Evolutionstheoretiker und Religionskritiker Richard Dawkins); mehr siehe Beiheft 10 und Anm. 4.

40 Die Beiträge von 23 Fachgelehrten, Theologen wie Historikern, sowie von Hermann Gieselbusch, seit 1970 Lektor Deschners, dessen Monumentalwerk so kompetent wie beharrlich begleitend, wurden 1993 zusammengefasst im Sammelband „Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand“. Wer
wie Deschner eine solche Mammutleistung vollbringt, allein, ohne Absicherung durch einen Mitarbeiterstamm und festes Salär wie seine Kollegen an den Universitäten, zudem auf Vortragstätigkeit angewiesen, da erst spät finanziell unterstützt durch Freunde der Familie, schließlich durch Herbert Steffen (s. Anm. 39): dem werden, unvermeidbar, hier
und da Ungenauigkeiten im Detail unterlaufen. Wer sie überbetont, weicht der horrenden Gesamtbilanz dieser aufklärerischen Chronik aus: „Statt ihm dankbar zu sein“, so Arno Widmann, „wird der Überbringer der unangenehmen Nachricht beschimpft.“ (FR, 25.3.2013) Dem ist nichts hinzuzufügen.

41 Von den Reaktionen seien die beiden detailliertesten und instruktivsten genannt: Hermann Josef Schmidt, „Das ‚einhellige‘ oder scheinheilige ‚Urteil der Wissenschaft‘? Nachdenkliches zur katholischen Kritik an Karlheinz Deschners ‚Kriminalgeschichte des Christentums‘“, veröffentlicht u.a. in „Drahtzieher Gottes. Die Kirchen auf dem
Marsch ins 21. Jahrhundert“, S. 140-172, Alibri 1995; Karlheinz Deschner, „Wes Brot ich ess‘ oder ‚Vor jeder Form von Macht auf dem Bauch‘“, eine Replik auf die Stellungnahme von Maria R.-Alföldi unter dem Titel „Konstantin: ein Großer der Geschichte?“ zu Deschners 72 Seiten umfassendem Kapitel „Der Hl. Konstantin, der erste christliche
Kaiser, ‚Signatur von siebzehn Jahrhunderten Kirchengeschichte‘“ im ersten Band seiner „Kriminalgeschichte…“.

42 Dem Inhaltsverzeichnis dieses Bandes nebst Vorwort – http://www.deschner.info/de/person/inhaltvorwort.pdf – sind zu Kapitel IV (eröffnet durch einen Aphorismus von Deschner – „‚Was missfällt, muss nicht missraten sein‘) die Zusammenfassungen der (Methoden- bzw. Ethik-) Kritik von Armin Pfahl-Traughber und Joachim Kahl (beide
abgedruckt auch in „Aufklärung und Kritik“ 9/2004, Sonderheft Karlheinz Deschner) sowie der Repliken von Michael Schmidt-Salomon und mir nachzulesen. –

Hier nur einige Anmerkungen zur Kritik von Pfahl-Traughber. Wenn er, neben den zuvor genannten Einwänden der meisten Kritiker, auch Deschners „Personenfixierung und Institutionenignoranz“ moniert, so ist zu erinnern an dessen – auf die gesamte „Kriminalgeschichte“ übertragbare – Warnung im Vorwort zu „Die Politik der Päpste“, er schreibe„keine ‚Papsthistorie‘, kein Psychogramm von Personen“, sondern vermittele „die knappe Diagnose einer Institution aufgrund ihrer Geschichte“. Und er fragt: „Wann wird die Welt begreifen, daß es nicht darauf ankommt, wer an der Spitze dieser Kirche steht?! Daß man es stets mit demselben Ungetüm zu tun hat, mag dessen Kopf heißen, wie er will?“ (Zu dessen letztlich sakrosankten, von Personen unabhängigen Merkmalen – Glaubensfundament und hierarchische Struktur – siehe Text und Anm. 7, 9 und 11) Deschner attackiert also nicht mehr oder weniger zufällig an die Macht gelangte Privatpersonen, sondern, wie Pfahl-Traughber als Rezensent der „Politik der Päpste“ einst selbst hervorhob (in „diesseits“ 3/1992), Träger von Ämtern, Vertreter von Institutionen unter bestimmten historischen Bedingungen, für die sie, durch amtliche Vollmacht, entscheidende Weichen stellen, etwa die Fernhaltung der Massen
von Bildung und damit vom Widerstand gegen ihre Peiniger. Die von Pfahl-Traughber vermisste Analyse der die Verbrechen bedingenden, zumal ideologisch-gesellschaftlichen Faktoren, kritische Religionsanalyse einbezogen, sieht der Chronist Deschner weitgehend anderen vorbehalten, eingedenk unerlässlicher Arbeitsteilung auch hier – nur
gelegentlich geht er transpersonalen bzw. kontextualen Bezügen klerikaler Verbrechen nach, etwa in Band III seines Hauptwerks (Anm. 11). In der Hauptsache aber schreibe er, so Schmidt-Salomon, „als sei er mitten drin“ und führe so dem Leser „die reale Not, das reale Elend, die realen Ängste, Begierden, Hoffnungen, Illusionen der Menschen“ vor
Augen.

Immerhin stimmt Pfahl-Traugber in seiner Rezension des 10. Bandes der „Kriminalgeschichte“ (siehe deschner.info/Resonanz) dem letzten Satz eines Nachworts von Deschners Lektor Hermann Gieselbusch zu: „Heute wissen wir sehr viel mehr über die christliche Geschichte. Und niemand muss sich mehr täuschen lassen. Karlheinz
Deschner sei Dank.“

Mit Pfahl-Traughbers Kritik verbindet sich ein weiterer Einwand gegen Deschners „Kriminalgeschichte“, etwa von Hubertus Mynarek, gerichtet gegen Deschners deterministische Grundhaltung (von diesem expliziert in der „Nachbemerkung“ zum 10. Band der „Kriminalgeschichte“ wie bereits in seiner Geburtstagsrede vom 23.5.2004
„Warum man zu Lebzeiten nicht aus seiner Haut fahren kann“ http://www.gkpn.de/Deschner_So9.pdf): Wie kann ein „Determinist“ zugleich anklagender Chronist der Verbrechensgeschichte der Kirche sein? Vor dem Hintergrund des in
Anm. 16 Gesagten gilt jedoch für Deschner die grundsätzliche, wenn auch sprachlich nicht konsequent zu realisierende, für die Humanisierung einer Gesellschaft indes notwendige Unterscheidung zwischen Taten, die ggf. zu verurteilen sind, und Tätern, die, genügende (realiter nie ausreichende) Kenntnis genetischer und biographischer Prägung
vorausgesetzt, prinzipiell, ob klein- oder großkriminell, zu verstehen sind. Deschner erinnert an Einstein: „Nur durch Verstehen können wir hoffen, nach menschlichen Kräften den furchtbaren Katastrophen vorzubeugen, welche die Menschen einander bereiten.“ Und er zitiert Goethe: „Ich kann mir kein Verbrechen denken, das ich nicht unter den gegebenen Umständen auch hätte tun können.“ Das bedeutet, so endet die „Kriminalgeschichte“, „keinesfalls Duldung der Untaten“, von ihm zuhauf belegt, oder „Schonung der Täter“, sondern erfordert Schutz der Gesellschaft vor jenen
vor allem dadurch, schon präventiv, „indem sie allen ein menschenwürdiges Dasein, frei von Ausbeutung und sie flankierender Verdummung, ermöglicht und dessen Saboteure, Ruinierer, rechtzeitig rigoros entmachtet“.

Skeptisch äußerte sich Pfahl-Traughber, was hier noch angemerkt sei, auch zu Deschners USA-Bild „mit deutschnationalen Zügen“: für Deschner „zu absurd, um von mir widerlegt zu werden. Mein ganzes Werk widerlegt sie.
Und: Der Moloch [‚Sprecht sanft und tragt immer einen Knüppel bei euch!‘– Zur Amerikanisierung der Welt, 1992/2002]“. Vgl. Deschners Erwiderung „Voll von Haß und Blindheit?“ im Magazin „diesseits 4/84; zu dieser Unterstellung äußerte sich auch Schmidt-Salomon in einem „Offenen Brief an die konkret-Redaktion“: Stimmung statt
Argumente“: http://www.deschner.info/index.htm?/de/aktuell/konkret.htm. Zu den Texten Pfahl-Traughbers und Deschners: http://www.deschner.info/index.htm?/de/werk/gesellschaft.htm; http://www.gkpn.de/pfahl_deschner_usa.pdf . Anders als Pfahl-Traughber und „antideutsche“ Kritiker urteilen über Deschners „Moloch“ Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann in ihrer Würdigung für die „Neue Rheinische Zeitung“ (Hrsg. Peter Kleinert) anlässlich des Abschlusses von Deschners Hauptwerks: http://www.deschner.info/de/resonanz/nrhz-395.pdf Zu Joachim Kahls Kritik grundlegender Werthaltungen Deschners und zu meiner Replik darauf in zehn Schritten (siehe auch Anm. 13 f und 44): http://www.gkpn.de/kahl_deschner.pdf ; http://www.deschner.info/de/person/leseproberoewer.pdf

43 Ludger Lütkehaus würdigte Deschners „Kriminalgeschichte“ am 20.3.13 in der NZZ, am 21.3.13 in „DIE ZEIT“ und am 3.5.13 in der „Badischen Zeitung“.

44 Trotz Skepsis – ein methodischer Zweifel, der sein Denken bestimmt („Alles tiefe Denken entspringt dem Zweifel und endet darin.“), trotz Ironie („Wetterleuchten der Schwermut“), mit der er sie oft ausdrückt, – bleibt Deschner, fast hautlos, zeitlebens berührbar durch das Leid in der Welt – „Kein größeres Verbrechen als Gleichgültigkeit.
Gleichgültig sein heißt unablässig morden.“ – Wer zufrieden ist mit der Welt, wie sie ist, hat alle mit auf dem Gewissen, die Grund haben, damit unzufrieden zu sein.“ – Er ist überzeugt: „Geist wärmt nicht. Doch die Welt zu erwärmen ist wichtiger noch als sie zu erleuchten.“ (Siehe Anm. 13 f und 35) Und nicht zuletzt durch Skepsis, so hofft
der ethische Radikalagnostiker, durch Bezweiflung aller vorschnellen Deutungen, gar Gewissheiten, könne die Welt menschlicher werden als durch jegliche Antworten mit Absolutheitsanspruch. So fragt Karlheinz Deschner, der die „großen Wahrheiten“ nicht sehen kann, „schon wegen des Bluts daran“: „Hat eigentlich die Skepsis auf die
Schlachtfelder geführt oder der Glaube?“ (Siehe Anm. 16)

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