Bücher fürs Diesseits: Vor 20 Jahren wurde Alibri gegründet

Buchmesse2003Bereits eines der ersten Bücher – Drahtzieher Gottes (1995) – gibt Hinweise auf das verlegerische Selbstverständnis des damals noch komplett „ehrenamtlich“ arbeitenden Alibri-Verlagskollektivs: Bücher können „Werkzeuge“ bereitstellen für gesellschaftliche Veränderungen und ein Verlag kann durch sein Programm und seine Öffentlichkeitsarbeit politische Entwicklungen voranbringen. Und so fungierten wir Alibris nicht nur als Verleger, sondern auch als Herausgeber und schrieben zudem zwei der Aufsätze selbst. An diesem Ansatz hat sich im Prinzip nichts geändert: Auch wenn Alibri derzeit fünf Mitarbeiter beschäftigt, lebt der Verlag bis heute auch von seinem Umfeld, aus dem er Unterstützung mit Rat und Tat erfährt. Im Gegenzug konzipieren wir unsere Öffentlichkeitsarbeit immer wieder in Form politischer Kampagnen, die säkularen Themen Aufmerksamkeit verschaffen. So hätte es die Kirchenaustrittskampagne ohne den Verlag nicht gegeben.
Angefangen hat alles im November 1994. Ab Jahrgang 24 erschien die Zeitschrift MIZ bei Alibri, dann vereinzelte Bücher, 1998 brachten wir schließlich das erste richtige Frühjahrsprogramm. Mittlerweile sind es über 200 Bücher, zwei Dutzend Videos und über 5000 Seiten MIZ. Der thematische Schwerpunkt lag dabei von Anfang an auf Kirchen- und Religionskritik; Fritz Mauthners monumentale Atheismus-Geschichte, das religionskritische Kinderbuch Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel oder Die Politik der Päpste als Beginn einer Edition der Werke Karlheinz Deschners markieren hier einige Meilensteine. Einen wichtigen Programmteil stellt die Kritik an Esoterik und Irrationalismus dar; Colin Goldners Studie zum Dalai Lama oder diverse Publikationen zu Anthroposophie und Waldorfpädagogik wären hier zu nennen. Und Autor/inn/en wie Bahram Choubine, Arzu Toker oder Rachid Boutayeb kritisieren Ideologie und gesellschaftliche Praxis des Islams und übersetzen islamkritische Werke iranischer oder türkischer Autoren ins Deutsche.
In den letzten Jahren haben wir das Programm zunehmend ausgeweitet, es erschienen mehr Titel aus den Bereichen Philosophie und Geschichte. Auch die Abteilung Regionalliteratur haben wir ausgebaut. Andere Projekte sind mittlerweile Vergangenheit: die Zeitschrift Geschichte quer erschien von 1998 bis 2010 bei Alibri, bevor sie mit Heft 15 eingestellt wurde. Durch die Kooperation mit dem (heute nicht mehr aktiven) Trotzdem Verlag haben Titel allgemein emanzipatorischer Ausrichtung ihren Platz im Alibri-Programm gefunden.
Neben Zeitschrift und Buchverlag ist die Versandbuchhandlung denkladen.de das dritte Standbein von Alibri. Dort bieten wir eine Auswahl kommentierter Bücher aus den Bereichen Religionskritik, (natur)wissenschaftliches Weltbild und humanistische Philosophie an, aus diesem Sortiment werden auch die Büchertische zahlreicher Veranstaltungen der säkularen Szene – von großen Kongressen bis kleinen Abendveranstaltungen – bestückt. An dieser Stelle arbeitet Alibri mit vielen Organisationen zusammen. Auch wenn der Verlag dem Verband, der die Zeitschrift MIZ herausgibt, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) besonders nahesteht, ist er programmatisch nicht festgelegt und versteht sich eher als Forum der gesamten säkularen und skeptischen Szene.
Für einen Kleinverlag stellt sich immer die Frage des Überlebens in schwierigen Zeiten. Das war in den 1990er Jahren nicht grundlegend anders als heute. Damals war die Gründung der Assoziation Linker Verlage (aLiVe) der Versuch, auf einem sich verändernden Buchmarkt eine zukunftsfähige unabhängige Struktur zu schaffen. Heute stellen sich neue Herausforderungen: die Marktmacht von Buchhandelsketten und Internetbuchhändlern, Postlaufzeiten oder Vertriebsmöglichkeiten von eBooks bedrohen die Büchervielfalt. Grundsätzlich muss die Frage beantwortet werden, wie sich Information heute noch verkaufen lässt und welche Rolle in den neu entstehenden Strukturen Verlage noch einnehmen können. Allen, die uns in den vergangenen 20 Jahren geholfen haben, die richtigen Antworten zu finden, danken wir an dieser Stelle. Gemeinsam sollte das doch auch in Zukunft gelingen, oder?

Dieser Beitrag wurde unter Hintergrund veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.