Wer ist Charlie?

nous-sommes-charlieDirekt nach den Anschlägen von Paris erschienen die Schilder als nette Geste der Solidarität: Mit „Je suis Charlie“ brachten die Menschen auf den Straßen zum Ausdruck, dass sie sich verbunden fühlten mit der Redaktion von Charlie Hebdo. Doch wenn Gesten unreflektiert und massenhaft nachvollzogen werden, laufen sie Gefahr, zur Phrase zu geraten.
In Deutschland wurde dies gut vier Wochen nach den Morden deutlich, als sich die Narren kollektiv entschieden, ob in der Bütt’ oder im Faschingszug, auf eine Thematisierung des islamisch motivierten Amoklaufs gegen satirische Religionskritik zu verzichten. Nur ganz wenige wollten da noch Charlie sein, die meisten waren schon wieder Michel. Und in Braunschweig wurde gleich der ganze Faschingszug abgesagt, weil „eine konkrete Gefährdung durch einen Anschlag mit islamistischem Hintergrund“ bestehe, und somit polizeilich verfügt, dass niemand Charlie sein darf.
Dabei würde sich gerade in einem solchen Moment der Gefährdung die Frage beantworten, ob hier jemand Charlie ist und wenn ja wie viele. Denn das Bekenntnis „Je suis Charlie“ zeigt nur dann Wirkung, wenn die Menschen, die es abgeben, den Eindruck erwecken, dass sie ernst meinen, was sie da sagen: Wir alle sind bereit – wie die Redaktion von Charlie Hebdo – für die Freiheit von Kunst und Kritik einzutreten. Wir sind bereit Karikaturen, Witze, Skulpturen, die jemandem (hier: religiösen Fanatikern) nicht passen, öffentlich zugänglich, sichtbar zu machen. Wenn deswegen einer oder eine von Islamisten umgebracht wird, sind 100, 1000, 100.000 andere da, die dann dafür sorgen, dass Karikaturen gedruckt, Witze erzählt, Skulpturen aufgestellt werden. So wird den Mördern die Erfolglosigkeit ihres Unterfangens signalisiert: Wir sind zu viele, ihr könnt nicht alle umbringen, es wird immer genug Menschen geben, die die Freiheit von Kunst und Kritik verteidigen, indem sie sich verhalten, als wäre sie gegeben.
Freiheitsrechte auf diese Weise aufrechtzuerhalten, ist kein neues Konzept. Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Unterfangens werden seit 40 Jahren in der Diskussion über „Soziale Verteidigung“ erörtert. Und alle, die sich damit beschäftigt haben, wissen: Auch die gewaltfreie Verteidigung von Freiheit kann das Leben kosten.
Nun kann niemand gedrängt werden, ein solches Risiko auf sich zu nehmen. Aber die Geste, ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ hochzuhalten, macht nur dann Eindruck auf die Mörder, wenn es so aussieht, als meinte zumindest die große Mehrheit dieser Menschen es ernst. Solange Grund zu der Annahme besteht, dass die Schilder hochgehalten werden, solange es sich gut anfühlt, und weggepackt werden, sobald es darauf ankommt, wissen sie, dass ihre Anschläge – allen öffentlich geäußerten Phrasen zum Trotz – eben doch erfolgreich waren.
Ein paar Schilder werden den islamistischen Angriff auf Freiheitsrechte nicht aufhalten. Aber wenn viele Menschen „Je suis Charlie“ nicht leichtfertig dahinsagen, sondern es ernst meinen, kann dies tatsächlich einen Beitrag leisten, Freiheiten zu erhalten. Wenn sie damit eine innere Einstellung ausdrücken, im vollen Bewusstsein der Gefahr und gegen die in Deutschland vorherrschende Appeasement-Politik die Bereitschaft signalisieren, diese Rechte wahrzunehmen, auch wenn Drohungen im Raum stehen und es bedrohlich wird.
Der islamistische Terror zielt letztlich auf alle Menschen, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen (die Opfer von London oder Madrid hatten wohl kaum Mohammed-Karikaturen gezeichnet). Wir halten dagegen. Das Risiko schätzen wir realistisch ein, aber wir fürchten uns nicht. In einer Welt zu leben, in der wir die Polizei um Erlaubnis fragen müssen, ob wir Witzigkeit eine Bühne bieten oder eine witzige Veranstaltung besuchen dürfen, wäre langfristig das größere Risiko. Alors, nous sommes Charlie.

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