Demagoge oder Dünnbrettbohrer?

Im Dezember, als sich die Berichterstattung über Pegida & Co. geradezu überschlug, fühlte sich auch Christoph Wagenseil, Vorstandsmitglied beim Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst (REMID), berufen, einen Beitrag zur Debatte beizusteuern. Unter der bezeichnenden Überschrift „Darf man den Islam kritisieren?“ machte sich der Autor auf, „Islamophobie“ zu definieren. Am Ende des Artikels hatte er zwar weder eine nachvollziehbare Definition geliefert noch die Ausgangsfrage beantwortet – dafür aber die MIZ und den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) als Herausgeber der Zeitschrift in Bezug zum Spektrum der Abendlandschützer gebracht.
Das gesamte Vorgehen des „Religionswissenschaftlers“ spricht wissenschaftlichen Standards Hohn. Obwohl die MIZ sich seit Ende der 1980er Jahre mit diversen Facetten des Themas Islam befasst und sogar mehrere Schwerpunkte darauf verwendet hat, bezieht sich Wagenseil nur auf ein einziges Heft. Die drei kritisierten Beiträge (zwei davon keine eigenständigen Artikel, sondern kurze Texte in den Rubriken Zündfunke und Blätterwald) sind zudem sämtlich nicht verlinkt, obwohl sie alle auf der MIZ-Webseite oder beim Humanistischen Pressedienst online vorliegen. Aber auf Nachvollziehbarkeit und kritische Prüfung legt Wagenseil ganz offensichtlich keinen großen Wert.
Die Art und Weise, wie der Mann aus dem REMID-Vorstand MIZ mit der Bürgerbewegung Pax Europa in Verbindung bringt, ähnelt den „Argumentationen“ verschwörungstheoretischer Texte: In MIZ 3/14 gibt es einen (namentlich gekennzeichneten) Bericht über eine vom Freidenkerbund Österreich und der Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte durchgeführte Tagung (die beide von Wagenseil nicht als Veranstalter erwähnt werden). Auf diesem Kongress wird ein „Wiener Appell“ verabschiedet (den MIZ weder unterzeichnet noch abgedruckt hat). Zu den Unterzeichnern des Appells gehört aber Pax Europa. Und auf deren Webseite findet sich die Formulierung der „schleichenden Islamisierung Deutschlands und Europas“. So steht MIZ nach nur zwei Sätzen in einem Kontext, der mit der in der Zeitschrift vertretenen Position nichts zu tun hat. Rhetorisch ist das geschickt, mit Wissenschaft hat das nichts zu tun.
Ähnlich demagogisch geht es weiter. So unterstellt Wagenseil der MIZ, in einem Blätterwald-Beitrag eine „allgemeine Zuschreibung ‘religiöser Gewalt’ an ‘den’ Islam“, zudem „ohne irgendeine geographische Spezifikation“; woraus er messerscharf schließt: „Also scheint es auch um Opfer religiöser Gewalt durch Muslime in Deutschland zu gehen.“ Das freilich ist, gelinde gesagt, eine Verdrehung dessen, worum es in dem Artikel geht. Kritisiert wird die völlig unreflektierte Berichterstattung der Neuen Osnabrücker Zeitung zu einer öffentlichkeitswirksam inszenierten Anzeige gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr. In diesem Zusammenhang wird der Migrationsforscher Klaus J. Bade mit der Aussage zitiert, Islam und die für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und Morde verantwortliche Miliz Islamischer Staat hätten soviel miteinander zu tun wie „eine Kuh mit dem Klavierspiel“ – was im MIZ-Beitrag als Verhöhnung der Opfer religiöser Gewalt gesehen wird.
Wo der Islamische Staat (der ursprünglich die Ergänzung „im Irak und in Syrien“ im Namen trug) derzeit seine Verbrechen begeht, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Damit ist aber nicht nur der geographische Bezug klar, sondern es wird auch ganz konkret die Tätergruppe benannt. Von einer „allgemeinen Zuschreibung“ kann nicht die Rede sein. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass Wagenseil die Aussagen in dem Beitrag absichtlich falsch darstellt.
Auch in einem anderen Punkt bemüht sich Wagenseil, seine Leserinnen und Leser in die Irre zu führen. Ganz unschuldig fragt er: „Was macht es für einen Unterschied, ob der die Religionsbeleidigung anzeigende Muslim dieser oder jener muslimischen Richtung angehört?“ – und setzt damit voraus, dass es sich tatsächlich um die Anzeige einer potentiellen Straftat gehandelt habe. Doch genau dies wird in dem MIZ-Artikel bestritten. Denn angesichts der Sachlage war von vorneherein klar, dass Nuhr nicht gegen den § 166 StGB verstoßen hatte (es sei denn, die Rechtsprechung hätte sich über Nacht völlig verändert). Als der Text auf dem REMID-Blog online ging, war denn auch das Ermittlungsverfahren gegen Nuhr bereits eingestellt – was Wagenseil seinen Leserinnen und Lesern natürlich verschweigen musste, da ansonsten offensichtlich geworden wäre, dass die Einschätzung von MIZ eben die richtige war: Ein für die islamistische Gruppierung Milli Görüs in der Öffentlichkeitsarbeit tätiger Aktivist hatte die Anzeige als geschicktes Kommunikationsmanöver inszeniert und die Neue Osnabrücker Zeitung hatte ohne kritische Nachfragen darüber berichtet und Nuhr unter anderem mit den Begriffen „Hetze“ und „Hassprediger“ in Verbindung gebracht.

Aber vielleicht ist Wagenseil auch nur intellektuell überfordert, wenn es um politische Einschätzungen geht. So beruft sich der „Religionswissenschaftler“ bei seiner Bewertung islamistischer Organisationen – ausgerechnet – auf den Verfassungsschutz und beeilt sich mitzuteilen, dass dieser für Gülen und Milli Görüs „Entwarnung“ gegeben habe.
Für die Bewertung Wagenseils als Dünnbrettbohrer spricht die Lektüre anderer seiner Texte im REMID-Blog. Auch in einem Beitrag, der sich dem Titel nach um die Linke und die Religion dreht, zeigt er sich nicht in der Lage, eine nachvollziehbare Argumentation zu klar formulierten Thesen abzuliefern. Nach einem recht kopflos wirkenden Slalom durch Esoterikkritik, Gegenstandpunkt, Historikerstreit, Totalitarismusdiskurs, Napoleon, 1984 und leere Signifikanten landet der Autor beim Fazit: „Es bleibt eine spannende Frage der Zukunft, ob Weltanschauungen möglich sind, welche ohne Diskriminierung auskommen, wie sie in entsprechender Position mit den möglichen Versuchungen der Versicherung ihrer eigenen Idee von Freiheit umgehen mögen, also ob sie immerzu Demokratie und Menschenrechte achten – oder was eine Zukunft ohne Weltanschauung(en) (Markus Gabriel) bedeuten könnte.“ Hm, gut dass diese bahnbrechende Erkenntnis mal so elegant formuliert ausgesprochen wurde. Spannender freilich wäre gewesen zu erfahren, was es nun mit der Linken und der Religion auf sich hat – doch diese Frage ist Wagenseil unterwegs offenbar verloren gegangen.
Argumentative Klarheit ersetzt Wagenseil durch Wähnen und Raunen. So erkennt er nach einer Veranstaltung einer Antifa-Gruppe „ideale Voraussetzungen für problematische Allianzen“. Was genau damit gemeint sein soll, verbleibt im Dunkeln – außer für „einige im Publikum anwesende Studierende der Religionswissenschaft“, die mit ihm verstanden haben, was sich da anbahnt. Wer sich an Wagenseils Schreibstil gewöhnt hat, stößt einige Absätze weiter auf eine Passage, die – wenn auch reichlich verquast – benennt, um was es dem „Religionswissenschaftler“ wohl geht: „Auch wenn es kaum vorstellbar ist, dass z.B. eine rechtskonservative Gruppe, die eine Tradition (Religion, Kultur) bewahren möchte, und eine linke Gruppe, welche ihre Position für den Stand eines in der Erkenntnis fortschreitenden Bewusstseins des kritischen Diskurses hält, gemeinsame Sache machen könnten, etwa gegenüber Migrant_innen und ihren Traditionen – tatsächlich könnten die jeweiligen Aktionen trotz ihrer völlig unterschiedlichen Motivation dennoch im Effekt zusammenkommen.“ – Es soll an dieser Stelle weder um die vielfältigen Denkfehler gehen, die sich in diesem Satz finden lassen (von identitärem Denken bis mangelnder Fähigkeit zur Differenzierung), noch um die fehlende mit Belegen versehene Herleitung dieser „These“, sondern nur um die rhetorische Strategie, die auch Wagenseils Äußerungen zur MIZ prägt: Da wird Kritik denunziert, indem Kritiker in einen Kontext gestellt werden, der sie diskreditieren soll.

Unreflektierte Kritikabwehr ließe sich denn auch als Grundzug von Wagenseils Text „Darf man den Islam kritisieren?“ benennen. So schließt er seinen Aufsatz mit einer Attacke auf einen formidablen Strohmann: „Will eine ‘Islamkritik’ aber darauf hinaus, den Islam von anderen (organisierten, klassischen) Religionen grundsätzlich qualitativ zu unterscheiden – und dies ohne Bezug auf ein tatsächlich spezifisches Merkmal –, liegt es nahe, eine islamophobe Einstellung zu vermuten.“ – Da hat er natürlich Recht, der „Religionswissenschaftler“: Wenn ich eine Sache von anderen Sachen der gleichen Kategorie unterscheide, ohne dass ich dafür einen in der Sache liegenden Grund, ein Merkmal, angeben kann, und wenn ich dies tue, um die Sache auf diese Weise abzuwerten, wäre dies kritikwürdig. (Ob ich das dann nicht „darf“ oder ob ich nur nicht damit rechnen darf, keinen Widerspruch zu ernten, wenn ich dies tue, ist nochmal eine andere Frage.) Und sicherlich lassen sich derartige Äußerungen in den einschlägigen Internetforen oder am Rande jeder Pegida-Demonstration auch finden; da reicht ein ZDF-Mikrofon und die Verheißung auf 15 Sekunden mediale Aufmerksamkeit und schon halluzinieren triste Gestalten aufgeregt den Untergang Europas in islamischen Fluten. Nur: Was hat das mit „Kritik“ zu tun? Auf diese billige Weise wäre nicht einmal dem offiziösen Pegida-Papier beizukommen. Wagenseil leistet eben keine Kritik des Ressentiments. Und er ist weit davon entfernt, Religionskritik und damit auch Islamkritik als Gesellschaftskritik zu verstehen. Da haben MIZ-Autoren oder der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten mehr zu bieten.

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