Gespräch mit Morgan Elizabeth Romano

Auf der IBKA-Convention war auch Morgan Elizabeth Romano als Vertreterin von Ateizm Derne?i, dem ersten anerkannten atheistischen Verein in der Türkei. In ihrem Vortrag veranschaulichte sie den Niedergang des Säkularismus in der Türkei in der Ära Erdogan. Zu dieser Thematik beantwortete sie einige Fragen.

In welchen gesellschaftlichen Bereichen sind die von Erdo?an initiierten Veränderungen besonders offensichtlich?
Morgan Elizabeth Romano: Von Erdo?an veranlasste Veränderungen zeigen sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die gesellschaft wird konservativer, Beispiele sind der Bildungssektor, das Gesundheitssystem sowie Journalismus und Medien, um nur einige zu nennen. Was Bildung betrifft, bedeuten diese Veränderungen einen Anstieg der Religionsstunden und mehr Kreationismus in Schulbüchern sowohl an Pflicht- als auch auch Privatschulen. Der Bau von Moscheen ist um das 85-fache und das Tragen von Kopftüchern um das 25-fache angestiegen, das Leben in einer Wohngemeinschaft wird öffentlich angeprangert, Alkoholkonsum im öffentlichen wie auch im privaten Raum wird immer mehr eingeschränkt. Im Gesundheitssystem zeigt sich vor allem, dass eine steigende Geburtsrate angestrebt wird, von Verhütungsmitteln wird abgeraten, Möglichkeiten zu einer sicheren Abtreibung sind kaum vorhanden und die Zahl an Kaiserschnitten sinkt im ganzen Land. Was Journalismus und Medien bzw. Social Media angeht, machen sich vor allem eine starke Einengung und Zensur bemerkbar, was eine seriöse Berichterstattung in der Türkei nahezu unmöglich macht. Außerdem hat mit Erdo?ans Amtsperiode die Blockierung von Webseiten angefangen. Das hat sich in letzter Zeit sogar noch verschärft und die Zensur von Filmen, Theaterstücken, Fernsehsendungen und Radio hat einen Höhepunkt erreicht.
All diese Veränderungen stehen in direktem Zusammenhang mit den durch und durch konservativen und religiösen Ansichten Erdo?ans und der AKP.

Was macht Erdo?an für türkische Wähler überhaupt so attraktiv?
Romano: Die konstante Korruption von Wahlen seitens der AKP außen vor gelassen, vermute ich, dass Erdo?ans Attraktivität für türkische Wähler vor allem darin besteht, dass er aus einfachen Verhältnissen kommt, schon als Kind mit Gelegenheitsarbeiten seine Familie unterstützt hat und sich von unten nach oben gearbeitet hat. Er ist ein Self-made-man.
Man muss immer bedenken, dass ein Großteil der türkischen Bevölkerung bildungsfern aufgewachsen ist und fromm ist. Für diese Menschen stellt Erdo?ans einfache konservative und religiöse Agenda ein erstrebenswertes Leben dar, um mit der eigenen Armut zurechtzukommen. Das größte Ideal für diese Menschen ist der Islam und seine Lebensweise – und Erdo?an und die AKP versprechen und liefern den Menschen diese Ideale.

Welche Möglichkeiten, in das politische Geschehen einzugreifen, bestehen für einen atheistischen Verein in der Türkei?
Romano: Wir sind die erste türkische atheistische Vereinigung, die gesetzlich als solche anerkannt wird und bis jetzt hat sich uns noch keine Möglichkeit geboten, in die türkische Politik einzugreifen. Wir hoffen, diesen Umstand in der Zukunft durch weiterhin steigende Mitgliedszahlen und Unterstützung zu ändern, indem wir uns nicht nur in der Türkei, sondern auch international Gehör verschaffen.
Deshalb möchten wir uns für ihr Interesse an unserem Verein und den Problemen, mit denen wir in der Türkei zu kämpfen haben, aufrichtig bedanken.

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