„Übertriebener“ Nationalismus und „gesunder“ Patriotismus?

Die Identifikation mit dem nationalen Fußballzirkus als modernes Opium des Volkes

Ein Kommentar von Rainer Schreiber

Gerne wird in den Medien zwischen einem „gesunden“ Patriotismus“ einerseits, „übersteigertem“ Nationalismus andererseits unterschieden – so sei z.B. bei „PEGIDA“ eher letzterer am Werke. Das häufige Insistieren gewisser Politiker auf der grundsätzlich denkbaren Anschlussfähigkeit der dort vertretenen Positionen – „man muss die berechtigten Sorgen der Bürger ernst nehmen“ – verweist allerdings darauf, dass die bezeichnete Unterscheidung ihre Tücken hat. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des deutschen Fußball-Patriotismus:
Gemeinhin wird das deutsche „Fußballmärchen“ 2006 und die damit verbundene Fahnenschwenkerei und nationale Begeisterung als „Geburtsstunde“ eines neuen, ungeheuer „entspannten“ deutschen Patriotismus gesehen: Endlich werden „wir“ lockerer und können mit dem Stolz auf die Nation genauso lässig umgehen wie „unsere“ Nachbarn. Die permanenten Auseinandersetzungen mit rassistischen Fans, Hooligans sowie Nationalisten und Lokalpatrioten, auch der gewalttätigen Sorte, gelten da als unschöne Entgleisungen, denen man mit Polizeieinsätzen zu begegnen hat.
Ist das eine vernünftige Position, die der Realität nationaler Begeisterung gerecht wird? Zu denken geben könnte z.B. folgende Schilderung der nationalen Enttäuschung in Brasilien, als die deutsche Mannschaft bei der letzten WM 2014 das Gastgeberland mit überraschenden 7:1 besiegt hatte (Spiegel online vom 9.7.2014):

„Wann sind wir Brasilianer je so vorgeführt worden“, grübelt ein Brasilien-Fan in Rios Nobelviertel Leblon. Über sein gelbes Brasilien-Trikot hat er nach dem WM-Debakel gegen Deutschland einen schwarzen Pulli gezogen. „Was sind wir jetzt noch, wenn wir nicht mehr das Land des Fußballs sind? Wir sind gerade überfahren worden.“ Auf dem TV-Bildschirm reicht der Platz für die Torschützen schon nicht mehr aus. „7:1. Das ist einfach unbegreiflich“, sagt ein anderer. „Das sind nicht wir, wir können doch sonst Fußballspielen“, sagt eine 54-Jährige, ihr Brasilien-T-Shirt ist zerknittert, in der Anspannung hat sie die Arme ganz eng vor der Brust gekreuzt.
Verzweiflung, Trauer, Wut und Scham im Land des Fußballs. In vielen Städten Brasiliens kam es nach dem Spiel zu Randale: In Rio musste die Polizei beim Fanfest an der Copacabana eine Massenschlägerei auflösen, frustrierte Fußball-Fans zündeten in São Paulo 15 Busse an, auch in Curitiba wurden Busse demoliert. In Belo Horizonte gab es Prügeleien im Stadion und Kneipen, Schlägereien wurden auch aus Recife und Salvador gemeldet.“

Was ist davon zu halten?
Nichts spricht per se dagegen, der Mannschaft des eigenen Landes die Daumen zu drücken und mit zu fiebern. Es handelt sich schließlich um ein Spiel, einen spielerischen Wettbewerb von zwei Gruppen, die wie zu allen Zeiten ihre jeweiligen Anhänger haben. Nationalistisch aufgeladen wird das Ganze dann, wenn die Grenzen zwischen den Spielern – hochbezahlte Profis aus der Welt der Sportverbände und Fußballkonzerne – und dem eigenen Leben über das „Wir“ komplett eingerissen werden: „Was sind wir jetzt noch, wenn wir nicht mehr das Land des Fußballs sind?“ Mal ganz davon abgesehen, dass ein verlorenes Spiel nicht der Niedergang des brasilianischen Fußballs sein muss: Damit sollte sich ein „Normalbürger“ in Brasilien, der kaum über die Runden kommt, zumindest so nicht beschäftigen. Dass die Mannschaft seines Landes gut Fußball spielen kann, hilft ihm bei seinen alltäglichen Sorgen praktisch gar nichts, sondern stellt bestenfalls einen ideellen Trost dar. Wenn dieser Wunsch nach Trost und Ablenkung dann sogar verhindert, dass er der Regierung Dampf macht, ist die Regierung froh – und er lässt sich auf ein falsches Gleis führen. Das ist dann klassisches „Opium des Volkes“. In dieser Funktion hat der moderne Nationalismus zumindest in unseren Breitengraden die Religion längst abgelöst.
Dafür können allerdings die Fußballspieler und der Sport an sich nichts; die Spieler sind überbezahlte Hochleistungssportler aus aller Herren Länder, die in unterschiedlichsten Staaten, ja Erdteilen im Laufe ihrer Karriere arbeiten und sich im ersten wirklich planetarischen Sport bewegen. Dass dies zu einer angenehmen, offenen Haltung führen kann, sieht man an der freundlichen Reaktion einiger deutscher Spieler auf den Frust und die Verzweiflung der Brasilianer. Von der Sportseite betrachtet spielen nun mal zwei Mannschaften gegeneinander, die wie gesagt eben spielen, also im Prinzip einen spielerischen Wettbewerb als Beteiligte an einer gemeinsamen Sache, dem Spiel, austragen. Die Spieler selbst können daher ihr professionelles Gewerbe, das sich längst zur äußerst lukrativen Geldmaschine weiterentwickelt hat, sehr wohl von seiner nationalistischen Überhöhung unterscheiden und wechseln deshalb auch gern zu auswärtigen Mannschaften, wenn dort die Bedingungen für sie selbst besser sind: Sie sind moderne Gladiatoren, die für ihre objektive Funktion, die Massen für sich einzunehmen und von ihrem Alltag abzulenken, mit horrenden Summen überschüttet werden. Die breite Masse der Fans glaubt nämlich, einen Anspruch auf „Aufhübschung“ ihres Alltagsfrusts durch besinnungslose Identifikation mit den Erfolgen der nationalen oder regionalen Mannschaft zu besitzen. Diesen Anspruch auf Ablenkung von ihren materiellen Problemen verteidigen sie dann auch oft aggressiv gegen die „Anderen“, die nicht einsehen wollen, dass nur sie selbst das Recht auf Ersatzbefriedigung haben, sondern genauso „gestrickt“ sind und auf ihren ideellen Erfolgserlebnissen durch Identifikation mit den Erfolgen der nationalen Sportelite ebenso bestehen.
In seinen fanatischen Formen beinhaltet der nationalistische „Fan-Zirkus“ daher eine gehörige Portion Unsachlichkeit; das Spiel selbst, seine sachliche Beurteilung, die Freude am guten oder der Ärger über das schlechte Spiel treten gegenüber einer bedingungslosen Parteinahme für die „eigene“ Mannschaft zurück: Egal wie diese spielt, schuld sind immer die Schiedsrichter, die Gegenmannschaft, die FIFA oder sonst wer….Solche Leute bekommen vom Spiel selbst manchmal gar nicht viel mit, weil sie schon vorab zugedröhnt sind, da es ihnen auf das dumpfe Gemeinschaftserlebnis ankommt, das durch die kritik- und distanzlose Identifikation mit Mannschaft und Land befriedigt wird. Nationalismus funktioniert wie Religion halt am besten, wenn man möglichst unbeleckt vom Wissen über die Sache selbst ist.
Dieser Anspruch auf ideelle Beschönigung der eigenen Lage durch die emotionale Identifikation mit den Erfolgen Anderer gebärdet sich umso fanatischer, je schlechter es den Leuten geht und je geringer ihr politischer „Durchblick“ ist – deshalb kommen solche Phänomene wie die einstmals berüchtigten englischen Fußball-Hooligans zustande, die nicht gerade durch Verstand aufgefallen sind. Ähnliches ist derzeit im ökonomisch zerfallenden Süden Italiens (die Arbeitslosigkeit der Jungen liegt bei bis zu 50 %) zu beobachten; den „wilden Osten“ Deutschlands mit seinen teilweise offen rassistischen Fans sollte man dabei auch nicht vergessen…
Darin wird der allgemeine Kernpunkt nationalistischen Denkens sichtbar: Die eingebildete Zugehörigkeit zum höheren nationalen „Ganzen“ tröstet über die realen persönlichen Schwierigkeiten und Nöte hinweg, die eine Politik bewirkt und aktiv organisiert, die mit dem Verweis auf angebliche „Sachzwänge“ die Scheidung von Arm und Reich weiter vorantreibt und dabei die Interessen der vermögenden Eliten der Gesellschaft bedient. Von wegen „nationale Gemeinschaft“ – die kapitalistischen Gesellschaften kehren immer mehr soziale Unterschiede und ökonomische Gegensätze hervor, angesichts derer die nationalistische „Gemeinschaftstümmelei“ wie blanker Hohn wirkt. Nationales Denken sorgt dabei dafür, dass genau das nicht mehr in den Fokus der Kritik gerät, weshalb der volkstümliche Nationalismus, zum „Patriotismus“ geadelt, von den Vertretern einer marktradikalen Politik auch so geschätzt und von den regierungsnahen Medien entsprechend gerne gepflegt wird. Durch die nationalistische Begeisterung hausen sich die Fußballfans in einer fiktiven Identität als „guter Deutscher“ ein; es werden Gemeinsamkeiten stilisiert, die vor allem eines leisten: von den sozialen Problemen im Land abzulenken – vor allem davon, dass die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter auseinander geht und es einfach andere „Deutsche“ sind, die einem diese Suppe einbrocken.

Eine grundsätzliche Kritik am „Identitätsgetue“, auf dem alle falschen Identifikationen samt ihren nationalistischen Konsequenzen beruhen, liefert Rainer Schreiber am Beispiel der Antisemitismus-/Zionismus-Diskussion in seiner Streitschrift:
Religion, Volk, Identität? Das Judentum in der Sackgasse des modernen Nationalismus. Aschaffenburg: Alibri, 2014. 133 Seiten, kartoniert, Euro 10.-, ISBN 978-3-86569-178-1

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